Česky Deutch

In Wien im Gespräch mit Vertriebenen, 30.11.2009

n Wien im Gespräch mit Vertriebenen

Am 30. November fanden sich ca. 70 vertriebene, in Österreich lebende Sudetendeutsche und weitere Interessenten zu einer Diskussionsrunde ein. Die Diskutanten waren Ondřej Matějka, Mitglied der tschechischen Organisation „Antikomplex“ und Reinder Elsinger, einem nach 1945 aus Tschechien vertriebener Sudetendeutscher. Die Moderation übernahm ein ORF-Moderator Martin Haidinger. Ausgangspunkt der Diskussion war die Ausstellung „Das verschwundene Sudetenland“, welche von Antikomplex erstellt und im Laufe der Jahre immer wieder erneuert wurde und im November zum ersten Mal in Wien zu sehen war. Zum Publikum gehörten auch der Landeshauptmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft Österreich Gerhard Zeihsel und der ehemalige Nationalratspräsident Wilhelm Brauneder.

Ondřej Matejka stellt zu Beginn die Arbeit seiner Organisation vor, welche seit 1998 existiert. Sie widmet sich der tschechisch kritischen Reflexion der deutsch-tschechischen Geschichte. Ihr Ziel ist es die Komplexe der Vergangenheit zu beseitigen, denn diese würden die tschechische Bevölkerung unfrei machen.

Dass die Vergangenheit sie immer wieder einhole, zeigen die jüngsten Ereignisse. Der tschechische Staatschef Václav Klaus wollte den Lissabon-Vertrag der EU zunächst nicht unterschreiben. Erst nachdem aufgrund einer Ausnahmeklausel gesichert wurde, dass die udetendeutschen auch nach dessen Unterzeichnung keine Eigentumsansprüche stellen dürfen, ratifizierte er den Reformvertrag.

Als Hauptaufgabe sehen die Mitglieder von Antikomplex die Aufklärungsarbeit innerhalb der tschechischen Bevölkerung und dann den immer wieder geführten Dialog, auch mit den damals Vertriebenen. Antikomplex verstehe sich selbst als ein Teil einer tschechischen Bewegung, nicht als Alleinkämpfer. Dies trifft im Publikum auf allgemeine Zustimmung, nachdem sie seinen Worten zuvor ruhig und aufmerksam folgten.

Anschließend stellt sich Reiner Elsinger vor. Er wurde 1932 im Sudetenland geboren und nach dem zweiten Weltkrieg aus seiner Heimat vertrieben. Herr Elsinger gestaltete in der Vergangenheit zwei Ausstellungen über die Sudetendeutschen. Die erste 1995 „20 Jahre Vertreibung“ und zehn Jahre darauf eine weitere. Er betont, dass er sich dabei ausschließlich auf tschechische Quellen verließ.

Er selbst sah die Ausstellung „Das verschwundene Sudetenland“ persönlich und las ebenfalls das Begleitbuch dazu und war davon positiv überrascht. Doch ergaben sich für ihn daraus auch einige Kontroversen. Er sieht die Ursprünge des Konfliktes schon Mitte des 19. Jahrhunderts, was in der Ausstellung keine Berücksichtigung findet. Außerdem stellt er die Frage in den Raum: „Kann sich Europa solch ein Niemandsland leisten?“. Zusätzlich ist er der Auffassung, dass man die ehemals sudetischen Gebiete nur restaurieren könne, wenn man Menschen findet, welche eine Beziehung dazu haben. Einen neuen Namen sollte seiner Meinung nach die Ausstellung tragen: „Die verwüsteten, die zerstörten deutschen Gebiete von Böhmen und Mähren“.

Die Diskussion ist damit eröffnet, der Ball wird abgegeben zurück an Ondřej Matějka. Er erklärt, dass Antikomplex davon ausgehe was heute ist. Es ginge ihnen nicht um eine Wiederherstellung des Vergangenen. Das was davon noch lebt soll lebenswert gemacht werden. Das kulturelle Erbe soll in die aktuelle tschechische Identität integriert werden. Darin liegt die eigentliche Zukunft. Es bringt nicht die Geschichte nur in ein Museum zu stellen. Antikomplex versucht auch die heutigen Probleme vom Sudetenland anzusprechen. So beschäftige sich die Organisation sehr intensiv mit der heutigen Landschaft.

Daraufhin bekundet Reiner Elsinger seine Freude über die Existenz von Antikomplex. Doch er wünsche sich eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Vertriebenen. Es sei schon vorgekommen, dass sie als Besucher ihrer alten Heimat nicht dort gewollt wurden. Sogar verjagt wurden. Dabei wollten sie doch nur ihre kulturellen Schätze selbst schützen. Elsinger betont außerdem, dass Deutsche immer Deutsche wären und niemals Tschechen, auch wenn sie in Tschechien geboren wurden. Diese Feststellung löst starken Beifall im Publikum aus. „Eine Vertreibung hört nie auf!“ und wirke auch auf ihre Nachkommen. Denn sie wurden nicht in die Freiheit vertrieben, wie man es in Tschechin zu sagen pflegt. Auch diese Sätze wurden von Zustimmungsbekundungen im Raum begleitet.

Sie versuchen als Tschechen Verantwortung zu übernehmen entgegnet nun Matějka. Doch er wäre an dem Geschehenen nicht schuld. Antikomplex versuche zu zeigen, dass der Sieg von über die Deutschen 1945 keinen wirklichen Sieg aus der heutigen Perspektive darstelle. Damit hätten die Tschechen sehr viel auch verloren.

Für sie käme alles schon zu spät sagt Elsinger traurig. Gemeint sind damit die Wende und die Befreiung vom tschechischen Kommunismus. Die verbliebenen Sudetendeutschen suchen die Zusammenarbeit, doch sie würde nicht angenommen werden. Antikomplex wäre für sie eine Hoffnung.

Schon während der Diskussion gab es immer wieder Meldungen aus dem Publikum, welche nun Gehör finden. Es wird die Frage in den Raum gestellt, ob denn die österreichisch-tschechische Erbfeindschaft die einzige noch heute existierende wäre. Außerdem solle immer bedacht werden, was die Sudetendeutschen in ihrem Land auch für Tschechien geleistet hätten. Immer wieder wird an diesem Abend das für die Tschechen vermeintlich „wertlose“ Eigentum der Vertriebenen angesprochen und die damit verbundene Frage, warum es denn nicht zurückgegeben werde.

Darauf antwortet Ondřej Matějka, dass das nicht möglich sei, weil man damit nur neues Unrecht schaffen würde. Außerdem wäre es seiner Meinung nach auch unsicher, wer dies noch wolle. Es müsse ein anderer Ausweg gefunden werden, damit die Vertriebenen den Eindruck bekommen – die Tschechen haben sich bewegt und haben was getan. Damit scheinen einige im Publikum überhaupt nicht einverstanden zu sein und begleiten seine Worte mit entrüstetem Kopfschütteln. Er ergänzt, dass viele Initiativen von den Sudetendeutschen keine Beachtung finden würden. Es sollte zumindest die Möglichkeit geschaffen werden die Eigentumsfrage zu klären entgegnet Reiner Elsinger.

Weitere Wortmeldungen folgen, indem sich unteranderem darüber aufgeregt wird, dass sich bis heute kein Tscheche bei den Sudetendeutschen entschuldigt hätte. Es wird auch gefragt, ob es denn nicht möglich wäre sudetendeutsche Zeitzeugen im tschechischen Fernsehen zu zeigen und zu Wort kommen zu lassen. Die letzte Frage dieses Abends betrifft die deutschen Gräber in Tschechien und wie es um ihren Erhalt stünde.

Ondřej Matějka hat ein letztes Mal das Wort und bekräftigt darin, die „Aufarbeitung kann nicht erzwungen werden!“. Und dass die Vertriebnen in die alte Heimat fahren sollen, um die regionalen, auf das deutsche kulturelle Erbe ausgerichteten Initiativen selber zu erleben, was eine versöhnliche Wirkung haben wird. Dies ist auch schon sein Abschlusswort, welchem Reiner Elsinger nichts mehr hinzufügen möchte.

Viele Fragen bleiben unbeantwortet, doch ein Anfang für Dialog ist gemacht. Die Zeit zerrinnt denn Verbliebenen wie Sand in den Händen und dem sind sich auch die Mitglieder von Antikomplex bewusst. Ob die „österreichisch-tschechische Erbfeindschaft“ rechtzeitig beendet werden kann, bleibt weiterhin unklar. Dennoch dass ihre Arbeit Anerkennung findet und den Sudetendeutschen Hoffnung gibt, wurde an diesem Abend deutlich.

Kathleen Kemmler

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