Česky Deutch

Ursula Muhr trifft Schüler in Kaaden

Kurz vor 8 Uhr finden sich neun Schüler und ein Lehrer des Kaadener Gymnasiums im Konferenzzimmer ein. Sie nehmen mit drei weiteren nordböhmischen Gymnasien an ein Schulprojekt teil, welches sich mit der lokalen Geschichte ab 1938 bis 1947 beschäftigt. Also mit der Zeit des gewaltigen Zusammenbruchs der deutsch-tschechischen Beziehungen, die mit dem Krieg angefangen und mit der Zwangsaussiedlung der Deutschen geendet hat. Was geschah damals wirklich? Wie erging es den Sudetendeutschen danach und was ist bis heute von ihnen geblieben?
Wer könnte diese Fragen besser beantworten als Sudetendeutsche selbst oder dessen Kinder? Genau das steht für die heutigen ersten beiden 90 Minuten auf dem Stundenplan. Ursula Muhr, eine deutsche Kinderbuchautorin, wurde 1955 bereits in Bayern geboren und ist ein so genanntes Vetriebenenkind. Ihre Mutter wurde als sie 16 Jahre alt war gemeinsam mit ihrer Mutter aus ihrem Heimatort Nová Víska vertrieben. Ihren Vater, also Frau Muhrs Opa, und drei weitere Männer aus dem Dorf erschossen ehemalige KZ-Häftlinge am 31. Mai 1945. Als Motiv dafür war wohl deren NSDAP-Mitgliedschaft und wohl auch eine blinde Rache. Vom Beruf her war er Müller und zählte nicht zu den aktiven NSDAP-Mitgliedern. Aufgrund seines Berufes war er kriegsnotwendig und musste nicht an die Front. Am 21. Juni wurden alle weiteren Deutschen aus den ca. 20 Häusern starken Dorf vertrieben.

Ursula Muhr erzählt, dass ihre Oma und Mutter von „daheim“ immer sprachen wie von einer „Märchenwelt“. Doch stammen ihre Erzählungen ausschließlich aus der Zeit vor der Vertreibung. Sie kehrten danach niemals wieder zurück. Sie bauten sich in Nürnberg ein neues Leben auf ohne Hassgefühle gegenüber den Tschechen zu entwickeln. Was geschehen ist, ist geschehen und sie mussten nun sehen wie sie weiter leben können.

Anfangs wirkt Frau Muhr ein wenig angespannt wie sie vor den Schülern sitzt, was sich jedoch im Laufe der Zeit gibt. Ondřej Matějka von Antikomplex übersetzt ihr gesprochenes für die Schüler. Sie selbst kam schon mehrmals nach „Daheim“, um mit eigenen Augen zu sehen was Zeit anrichten kann. Von der Mühle existiert nur noch eine Ruine. Die Schüler hören ihr aufmerksam zu, doch auf die Aufforderung Fragen an sie zu richten, reagieren sie mit einem beschämten Blick auf den Tisch an welchem sie sitzen.

Plötzlich doch eine verhaltene Wortmeldung aus den Schülerreihen: Wie war das deutsch-tschechische Verhältnis vor dem Krieg? Die Antwort ist geradezu verheerend simpel: es gab praktisch keines. Nur wenn es um das Geschäft ging wurde miteinander verhandelt. Die Sudetendeutschen im Dorf sprachen auch meist überhaupt kein Tschechisch. Auf die Frage wie ihre Mutter und Oma den Krieg erlebt hätten antwortet sie auch schlicht, dass sie diesen praktisch gar nicht bemerkt hatten. Die Mühle war doch weit weg von den Geschehnissen der Welt.

Dann zeigt Ursula Muhr das alte Fotoalbum ihrer Mutter, welches sie bei der Vertreibung ungewöhnlicherweise behalten durfte. Es sind Familienfotos seit Anfang der 30er Jahre und auch Fotos von Einquartierten Flüchtlingen aus Ostpreussen. Am Ende sind eine Handvoll Farbbilder von dem Ort wie es 1991 aussah. Sie gibt es rum und die Schüler sehen es sich interessiert an. Einen Ort, wenige Kilometer von ihnen entfernt, welchen sie bis zu diesem Tag nicht kannten. Sie hat außerdem zwei kleine Stoffsäckchen mitgebracht. Diese hatte ihre Oma auf dem Weg nach Deutschland aus Kleidungsstoff genäht und darin die Adressen von Deutschen Verwandten aufbewahrt. Die Kinder hatten sie am Hals zu tragen „Falls sie sich verlieren sollten“. Bis heute werden diese beiden Erinnerungsstücke gewahrt wie ein Amulett.
Frau Muhr ist es anzumerken, dass es ihr selbst ein Bedürfnis war über ihre Familiengeschichte zu sprechen. Nicht um mit den Zeigefinger auf die Tschechen zu zeigen, sondern weil sie diesen märchenhaften Ort selbst sehen wollte.

Zwei Unterrichtsstunden sind vorbei und es bleibt abzuwarten, wie die Schüler diese Treffen auf sich wirken lassen und wie spiegelt es sich in deren Projektergebnissen wider. Sie gehen zurück in ihre Klassen und Ursula Muhr fährt mit ihrem Mann zurück nach Hause. Was bleibt ist ein vergessener, mit der Zeit vergangener Ort an dem es sich wohl auch für die meisten nicht mehr lohnt zu kommen oder auch nur darüber nachzudenken. Aber genau diese Einstellung sollte uns vielleicht zu denken geben.

Kathleen Kemmler

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