Česky Deutch

Das verschwundene Sudetenland in der Sächsischen Zeitung

Sächsiche Zeitung, 29.3.2010

Bewegende Bilder des verschwundenen Sudetenlands
Von Rolf Hill

Mit ernstem Gesicht steht Christa Petrasková vor einer der Schautafeln in der Galerie des "Hauses der deutsch-tschechischen Verständigung" in Jablonec nad Nisou (Gablonz). "Zmizelé Sudety - Das verschwundene Sudetenland" heißt die Wanderausstellung, die Auskunft gibt über das Schicksal des ehemaligen Ortes Ober Wessig, (heute Horní Vysoké) unweit von Leitmeritz (heute Litomerice).

Was fast allen ehemaligen Bewohnern nach Kriegsende passierte, blieb dem fünfjährigen Mädchen Christa Tippelt und ihren Eltern erspart. Wie andere Deutsche, die als Antifaschisten bekannt waren oder als Spezialisten in der Glas- und Bijouterieindustrie dringend gebraucht wurden, durften sie in ihrem Häuschen in Janov nad Nisou, dem vorherigen Johannesberg, bleiben.

Wunden sind nicht verheilt

Noch heute klingt es ihr in den Ohren, wie sie von den gleichaltrigen Kindern umringt immer wieder den Satz "Ja jsem Èech" (Ich bin ein Tscheche) wiederholen muss, denn sonst gibt es Püffe und Stöße von allen Seiten. Sie hat auch noch immer nicht vergessen, wie ihr die Mutter in der Straßenbahn ängstlich den Mund zuhielt, als sie begann, Deutsch mit ihr zu reden, wie es im Familienkreis üblich war.

Doch sie weiß, dass es den Initiatoren dieser Ausstellung weder darum geht, alte Wunden wieder aufzureißen, noch Schuldzuweisungen darzustellen. "Wir wollen anhand der Fotos und des bewusst knapp gehaltenen Textes einfach verdeutlichen, dass die Vertreibung der Deutschen einen großen Schnitt in das Leben der betroffenen Gebiete geschlagen hat, deren Wunden noch immer nicht verheilt sind", sagt Ondøej Matejka, Vorsitzender der Bürgerinitiative "Antikomplex" und maßgeblicher Mitinitiator der Ausstellung. Man habe auf den Schautafeln einfach nur das sichtbar gemacht, was jeder selbst erleben könne, wenn er mit offenen Augen durch die einst von Deutschen bewohnten Dörfer und deren Umgebung gehe, fügt der aus Liberec (Reichenberg) stammende Historiker hinzu.

Vieles an kulturellem und wirtschaftlichem Reichtum im ehemaligen Sudetenland sei unwiederbringlich verloren. "Gehen Sie hinaus in die Landschaft und machen Sie sich Ihr eigenes Bild", fordert Matejka die Besucher auf. "Die Narben von 1945 sind noch immer gegenwärtig."

Bis heute habe man es nicht geschafft, das Sudetenland wieder so zu besiedeln, wie es ehemals war. Verschwundene Dörfer, wo man nur noch Überreste verlassener und dem Verfall preisgegebener Häuser sieht, verödete Friedhöfe oder deren Überreste - deutliche Narben im Gesicht einer ehemals blühenden Landschaft.

Die gegenübergestellten Fotos, einige wurden erst in den letzten Jahren aktualisiert, sollen zur Diskussion und zur Auseinandersetzung anregen. Nur so könne ein Annäherungsprozess in Gang gebracht werden. Die Geschichte, so Matejka, habe letztlich nur dann einen Sinn, wenn man ihren Bezug auf die Gegenwart erkennt und die Lehren daraus zieht. So gesehen wolle "Antikomplex" mit dieser Ausstellung die Besucher nicht nur zum Nachdenken anregen, sondern ihnen auch Anstoß geben, etwas zu verändern.

Nur noch diese Woche Mittwoch bis Freitag jeweils von 14 bis 17 Uhr im "Haus der deutsch-tschechischen Verständigung" (Dum Cesko-nemeckého porozumení), Ceskoslovenské armády 24, CZ 466 01 Jablonec nad Nisou - Rýnovice

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