Offene Worte unter Nachbarn
Offene Worte unter Nachbarn
Zu einer Gesprächsrunde mit dem tschechischen Historiker Petr Miksicek hatten die Grünen aus dem Erzgebirge am Samstag eingeladen. Mehr als 70 Gäste folgten dem Ruf.
VON KATJA LIPPMANN-WAGNER
SCHWARZENBERG - Die Popularität von Petr Miksicek sorgte für einen echten Besucheransturm, dem das Grüne Bürgerbüro nicht gewachsen war. Es reichten weder Stühle noch Platz. Letztendlich öffnete man die Türen zum Flur, um allen Gästen zumindest das Zuhören zu ermöglichen. Die Erwartungshaltung war entsprechend hoch.
Ulrike Kahl, der Leiterin des Bürgerbüros, oblag es, den Abend zu eröffnen. Sie stellte ihre Sicht der Dinge an den Anfang und lobte den funktionierenden kulturellen Austausch zwischen dem böhmischen und sächsischen Erzgebirge. Es gebe viele grenzüberschreitende Kulturprojekte, die aus Mitteln der Europäischen Union gefördert werden. Dennoch seien sich die Menschen diesseits und jenseits der Grenze kaum näher gekommen. Auch der Wegfall der Grenzkontrollen habe in dieser Hinsicht wenig gebracht. Unterschwellige Kritik war deutlich zu hören. Kahl bemühte sich jedoch zu betonen, dass die Grünen im Erzgebirge das Geld in grenzübergreifende Kulturprojekte besser angelegt sehen als in teure Straßenbauvorhaben. "Straßen sind nicht das, was die Menschen verbindet", so Ulrike Kahl.
Petr Miksicek stellte vor allem die Bürgerbewegung Antikomplex vor, die auf tschechischer Seite das hochsensible Thema des Sudetenlandes und den geschichtlichen Entwicklungen in der deutsch-tschechischen Grenzregion anpackt. Der Historiker sagte überraschend klar, dass der größte Feind von Antikomplex, der tschechische Präsident sei. Angesichts dieser Bemerkung ging ein Raunen durch die Gästeschar. Miksicek: "Wir widmen uns einem Thema, dass der Staat nicht richten konnte. Außerdem sind wir ein bisschen links." Es sei bereits viel geschehen. Als er um die Jahrtausendwende anfing, sich im Rahmen seines Studiums diesem Thema zu widmen, durfte man die Worte Sudeten und Sudetenland nicht verwenden. Es habe schlimme Verdächtigungen gegeben, so wurden er und seine Mitstreiter als "Agenten der Lanzmannschaft" beschimpft. Das habe sich nun - zehn Jahre später - geändert. "Wir sind keine Revanchisten und Terroristen mehr, sondern werden ernst genommen, sind Ansprechpartner der Medien und Teil von Diskussionsrunden." Das Thema sei aber genau noch so sensibel wie vor zehn Jahren. Miksicek gehört sicher nicht zu den Provokateuren, er versteht es vielmehr, an griffigen Beispielen seine Behauptungen zu belegen. Was Grenze mit Menschen macht, erläuterte er am Beispiel von Keil- und Fichtelberg.
Historiker aus Tschechien
Foto: Carsten Wagner
