Das Landschaftsmodell Sudetenland

Einleitungstext von Sozioökologen Bohuslav Blažek zum Buch Das verschwundene Sudetenland

Weder auf der deutschen Seite der deutsch-tschechischen noch auf der österreichischen Seite der österreichisch-tschechischen Grenze hat sich ein zusammenhängendes tschechischsprachiges Gebiet gebildet. Ich kenne nur eine Gegend auf der anderen Seite der Grenze, in der ich auf den ersten Blick ein deutsches Dorf für ein tschechisches halten könnte – und das ist die Oberpfalz. Dort sind manche Scheunen unverputzt, und auch der Misthaufen ist nicht immer umpflastert. Das ist

wohl Seelenverwandtschaft. In unserem Grenzgebiet haben wir Tschechen oft das Gefühl, dass viele Gebäude typisch deutsch sind (Farbgebung, Dekor, benutztes Material, First- und Traufhöhen der Dächer im Vergleich zur eigentlichen Gebäudehöhe) – im deutschen und österreichischen Grenzgebiet habe ich dagegen keine typisch tschechischen Gebäude gefunden. Wir können hier allerhöchstens gemeinsame Kulturträger finden – z.B. Formen des gleichen Barocks in einer heute grenzüberschreitenden Diözese oder – in der ehemaligen DDR – die überdimensionalen Bauten des kommunistischen totalitären Regimes. Man kann sagen, dass die deutschsprachigen Menschen im Verhältnis zu den tschechischsprachigen nicht nur wesentlich zahlreicher, sondern auch geopolitisch und in ihrem kulturellen Ausdruck wirksamer waren. Die kulturelle Durchdringung verlief also an der Berührungslinie beider Ethnien ungleichmäßig, Deutsche und Österreicher breiteten sich in unserer Richtung aus.

Auf der anderen Seite ist anzumerken, dass nicht einmal die „deutscheste“ Gegend auf unserer Seite ohne die Gegenwart des tschechischen Elements war. Die regional eine Mehrheit bildenden Deutschen waren im Landesinneren als Minderheit niemals eine solche homogenisierende Kraft, dass sie die tschechischsprachigen Menschen aus ihrer Region herausdrängten. Unser zweisprachiges Grenzgebiet war ein Ort, an dem diese Völker versuchten zusammenzuleben. Bis zu einem bestimmten Maße ist ihnen das auch gelungen. Diese Kommunikationslaboratorien und experimentierenden, neue Kooperationsmodelle suchenden Regionen entstanden nur auf unserer Seite der Grenze. Zogen Tschechen in die deutschsprachigen Länder, so war dies entweder eine saisonale Angelegenheit oder sie assimilierten sich vollständig in der fremden Umgebung.

Diese Zeilen wirken vielleicht so, dass sie die nicht allzu fröhliche Geschichte von der tschechischen Schwäche rückblickend umerzählen, als wäre diese ein Ausdruck der tschechischen Geselligkeit, wenn nicht gar Schläue. Dazu muss ich sofort anmerken, dass diese „Laboratorien“ selbstverständlich ohne das Einverständnis der anderen Seite, dieses Spiel mitzuspielen, überhaupt nicht entstanden wären. Sie entstanden nicht als Initiative von irgendeiner Seite, sie sind das Ergebnis eines uralten Dialoges. Es entstanden keine Kauderwelsch-Poesie, keine zweisprachigen Lieder und keine Nationalhymnen. Im Unterschied zu den Slowenen sind bei uns kein tschechisches Jodeln und erst recht keine tschechischen Lederhosen populär. Es wurde also kein Gebiet der Folklore übernommen oder vermischt, in welchem die Nationalität akzentuiert wird. Aber ichtsdestoweniger entstand ein gemeinsames Phänomen, das so stark und so allgegenwärtig  ist, dass es psychologisch unsichtbar wurde: Ich habe es für mich als das „Landschaftsmodell Sudetenland“ bezeichnet. Es umfasst die Gestaltung der Landschaft, die menschlichen Bauten in ihr und die persönliche Art und Weise ihrer Nutzung.

Für den tschechischen ländlichen Raum im Landesinneren waren aus geografischer Sicht einige Merkmale typisch:

• eine große Siedlungsdichte,

• eine große Anzahl kleiner und kleinster Siedlungen, die sich ih re Identität erhielten,

• eine Vielfalt von Ortsgrundrissen, Verwendung verschiedener Materialien und viele verschiedene Typen ländlicher Bauten,

• eine leichte Zugänglichkeit der Landschaft und des Waldes

• eine klare Abgrenzung zwischen geschlossener Bebauung und Landschaft – ein grüner Raum zwischen den Dörfern auch bei einer hohen Siedlungsdichte 

Und eben im letztgenannten dieser Merkmale unterscheidet es sich auch vom deutschen Grenzgebiet auf der anderen Seite der Grenze deutlich: Die Dörfer wachsen zu, ländliche Bebauung wird mit Villen und Mietshäusern vermischt, kleine Städte verbinden sich mit großen Dörfern. Es entsteht so etwas wie ein Stadt-Land-Kontinuum.

Auf unserer Seite der Grenze beobachten wir in der Kulturlandschaft – in eben diesem Landschaftsmodell Sudetenland – folgende Merkmale:

• Das Stadt-Land-Kontinuum wird übernommen, aber es werden aus touristischer Sicht und unter dem Aspekt des Naturschutzes interessante Passagen respektiert.

• Diese Gebiete sind über ein dichtes Netz von Wegen zugänglich (gut markiert und oft als Rundweg), welche für gewöhnlich auf einer Anhöhe gipfeln (Aussichtstürme, Rundblicke, Ausflugsrestaurants).

• In der Landschaft werden räumlich verstreut Unterkünfte, wie Sommerhäuser oder Familienpensionen, angeboten.

• Die Dichte der Infrastruktur und der Unterkünfte führt nicht zu einer Konzentration, es entstehen keine überlasteten Erholungszentren – die Landschaft wird relativ gleichmäßig belastet.

• Es steht ein reiches Angebot an Dienstleistungen mit einem regionalen Bezug zur Verfügung (Pläne, Karten, Führer in Buchform oder als Ortskundiger, Souvenirs, lokale Speisen und Getränke...).

• Selbstverständlich dient die Gastfreundlichkeit als Lebensgrundlage, hat aber eine persönliche Note. Es herrscht praktisch Zweisprachigkeit.

• Teil des Lebens war auch die Nutzung der Wasserenergie von Flüssen und Bächen sowie die Mitarbeit von Familienmitgliedern in den Haushalten, vor allem in der Winterzeit.

• Der Drang der Menschen in die Fabriken ermöglichte ein dichtes Eisenbahn- und Straßennetz mit einer Vielzahl von damit verbundenen kleineren Bauwerken, die sich der gegebenen Landschaft anpassten (Tunnel, Viadukte, Brücken).

• Dies trifft in ähnlicher Weise auch für Wasserläufe zu, die oft von Wander- und Spazierwegen gesäumt waren (Staustufen, Kaskaden, Navigationen).

• Toleranz und Pluralität im Stil, darin eingeschlossen Kitsch.

 Dieser Zustand war schon am Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie ausgereift und erreichte seinen Höhepunkt in der Zeit der ersten Tschechoslowakischen Republik. Die Vertreibung der Deutschen wirkte wie eine zerstörerische Druckwelle. Heute erneuert sich schrittweise ein Teil dieses Bildes wieder. Einige Merkmale verlieren sich unter dem Druck globaler Trends, aber andere sind funktional so verbunden, dass sie sich gegenseitig erhalten (z.B. die zerstreute Bebauung, das dichte Wegenetz und die Vielfalt des Ausdrucks).

Es ist unser Schatz, der ein wenig an Elsass-Lothringen erinnert und eine über unsere Grenzen hinausgehende europäische Bedeutung hat. In der neuen Zeit des Regionalismus und einer Verlagerung des Schwerpunktes in der Agrarpolitik von der Landwirtschaft zur Landschaftserneuerung wird diese Landschaft zum Modellgebiet und kann auch für andere europäische Länder zur Inspiration werden. 

 

Unsere Arbeit

  • Unser neues Buch

    Weggehen und Wiederkehr

    Weggehen und Wiederkehr

    Das Leben der Deutschen in Sudetenland, die Vertreibung nach 1945, Herrkkunft nach Bayern und ein langer Prozess der Integration. Welche Erinnerungen haben die vetriebene Deutschen aus dieser Zeit und wie verändern sie sich im Rahmen der Generationen? Wie im Gegenteil schauen die Tschechen aus Sudetenland die deutsche Vergangenheit an? Das Buch ist eine Übersetzung aus dem deutschen Original Erinnerungskultur und Lebensläufe. Více informací

  • Buch

    Bei uns verblieben

    Bei uns verbliebene

    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

  • Buch

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Sudeten früher und heute anhand von Fotografien. Unser Bestseller gibt eine bildliche Antwort auf die Fragen, die sich jeder stellt, der in die Landschaft des Grenzgebietes kommt und Lust hat, darüber nachzudenken, was uns eigentlich diese Landschaft hinterlassen hat. Více informací

  • Ausstellung

    Tragische Erinnerungsorte

    Tragische Erinnerungsorte

    Seit dem Jahr 2010 ist diese Wanderausstellung unterwegs, bei der Sie von Schülern nordböhmischer Gymnasien an tragische Stellen in ihrer Region in der Zeit von 1938 bis 1945 geführt werden. Mit einer Reihe von Geschichten aus Aussig, Komotau, Postelberg, Kaaden, Saaz und anderen Orten können Sie Einblick nehmen in das Zusammenleben der beiden Völker in der Mitte Europas. Wenn auch Sie die Wanderausstellung bestellen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter: info@antikomplex.cz Více informací

  • Ausstellung

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

  • Buch

    Sudetengeschichten

    Sudetengeschichten

    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací