Das Sudetenland als gesellschaftliche Herausforderung

Einer der Einleitungstexte zum Buch Das Verschwundene Sudetenland von Ivo T. Budil, dem Kultur- und Sozialanthropologen

Vor fast zwei Jahren habe ich mich in einem Interview zur Problematik des Sudetenlandes geäußert. Daraus entstand ein gewisses Missverständnis, denn man begann mich seit dieser Zeit für einen Experten zu diesem Thema zu halten, der ich aber wirklich nicht bin. Dies wiederum bedeutet aber nicht, dass mir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des tschechischen Grenzgebietes beziehungsweise des Territoriums, welches traditionell als Sudetenland bezeichnet wurde, gleichgültig wären. Das Gegenteil ist der Fall. Ich bin überzeugt, dass das zukünftige Schicksal des Sudetenlandes die Entwicklung und Reife der erneuerten tschechischen Demokratie auf den Prüfstand stellen wird, und dass es ohne eine grundlegende soziokulturelle und ökonomische Wiederbelebung des tschechischen Grenzgebietes auch nicht zu der erforderlichen Kultivierung der tschechischen politischen Kultur kommt.

Erlauben Sie mir deshalb einige kurze allgemeine Ausführungen, die nicht in einer detaillierten empirischen Kenntnis des Sudetenlandes wurzeln, sondern die Stellung von Grenzgebieten oder Randzonen im Leben der menschlichen Gesellschaft sowie die Herausforderung betreffen, die nach meiner Meinung das Sudetenland für die tschechische Kommunität darstellt.

Traditionelle Zivilisationen und Kulturen waren sich der engen Verbindung zwischen Zentrum und Peripherie bewusst, die eine entscheidende Bedeutung für die soziale und psychologische Gesundheit und Vitalität der Gesellschaft hat. Die Grenzgebiete standen nicht immer nur für Provinzialismus und Konservatismus, waren sie doch oft eine Quelle neuer Anregungen, Intentionen und Kreativität. Die Grenze, das heißt der Raum, in dem sich unsere Identität mit einer anderen berührt, ist ein Platz, an dem wir uns von Angesicht zu Angesicht beweisen und rechtfertigen müssen. Wenn wir zwischen uns und „den anderen” eine Mauer ziehen, bringen wir uns um eine außergewöhnlich wertvolle interaktive Zone der Schöpferkraft, Inspiration und Selbsterkenntnis. Die Grenzen spielten als Randzonen immer eine wichtige Rolle in der Vorstellungskraft. Sie sind ein Raum, der in seinem Charakter dafür prädestiniert ist, etwas Neues hervorzubringen oder das Alte gesunden zu lassen. Den Gründern einer Religion, ideologischen Führern und großen Herrschern war oft eine Grenzposition eigen, mit der ihre außergewöhnliche Rolle bewiesen werden sollte.

In der modernen Zeit waren es häufig die Schulen, Gymnasien, Krankenhäuser der so genannten Provinz, die Zentren der örtlichen Bildung, des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens sowie des Lokalpatriotismus, die sich außerhalb des bindenden und konservativen Einflusses einer zentralen Institution befanden und in denen originelle Gedanken, Entdeckungen und Erfindungen entstanden. Auch in einem so zentralisierten Land wie Frankreich gründete man zwei der bedeutendsten intellektuellen Schulen – aus Pariser Sicht – an der Peripherie: Durkheimers Soziologie in Bordeaux und die Schule Annales in Straßburg.

Vom französischen Philosophen Michel Foucault stammen die Worte: „Man könnte eine Geschichte der Grenze schreiben – aller dieser versteckten Gesten, die zwangsweise vergessen sind, sobald sie ausgeführt wurden, mit denen eine Kultur etwas ablehnt, das für sie außerhalb liegt; diese geschaffene Leere, dieser frei gewordene Raum, durch die sich eine Kultur isoliert, sagt im Verlauf ihrer ganzen Geschichte ebenso viel, wie ihre Werte; ihre Werte erhält und bewahrt sie in der Kontinuität der Geschichte, währenddessen sie in den Gebieten, von denen ich spreche, ihre grundlegende Entscheidung trifft. Hier verwirklicht sie eben diese Abgrenzung, die Ausdruck ihrer Wirklichkeit ist.”

Die Tragödie der tschechischen Gesellschaft besteht unter anderem darin, dass aus ihren Grenz- oder Randzonen – aus denen im Idealfall neue Innovationen und Anregungen zu ihrer Entwicklung hätten kommen können oder die Ausdruck ihrer Wirklichkeit werden sollten – ihre Albträume, Gebiete des Niedergangs, des Vergessens und des unterdrückten Schuldgefühls wurden. Das Zentrum des tschechischen öffentlichen, politischen und moralischen Lebens wird allerdings nicht gesunden, solange man ihre Peripherie nicht erneut belebt, aus der ein vollwertiger Teil des öffentlichen und politischen Systems werden muss.

Die schlimmste mögliche Entwicklung für das Sudetenland wäre eine sich fortwährend reproduzierende „Kultur der Armut”, die der Anthropologe Oscar Lewis als „Absenz einer wirksamen Partizipation und Integration der Armen in den wichtigen Institutionen der Mehrheitsgesellschaft, eine ausschließliche Orientierung auf die Gegenwart, eine soziale Organisation, die die Ebene der engeren und weiteren Familie nur minimal übersteigt, das Fehlen der Kindheit als ein verlängerter und geschützter Lebenszyklus, das starke Gefühl von Marginalität, Ohnmacht, Abhängigkeit und Minderwertigkeit, Fatalismus und eine geringe Ausprägung von Ehrgeiz” beschreibt. Die Kultur der Armut, die sich in einigen Grenzregionen erschreckend abzeichnet, könnte in politischen Extremismus und territorialen Partikularismus münden, und zu einer fortwährenden Bedrohung des demokratischen politischen Systems in der Tschechischen Republik werden. Die Erfahrung aus Frankreich, wo extreme politische Parteien, wie zum Beispiel Le Pens Front National, gerade in den von politischen Machtzentren entfernt liegenden Gebieten die größte Wählerunterstützung bekommen, kann eine ausreichende Warnung sein.

Die Rehabilitation des Sudetenlandes in unserem kollektiven Gedächtnis wird zu einer Aufgabe, die zu unseren höchsten nationalen Interessen zählt. Was die hiesigen fachlichen und akademischen Kreise der Öffentlichkeit immer noch schulden, ist ein Werk, welches mit dem Buch von Fernand Braudel „Die Identität Frankreichs – Raum und Geschichte” (L ‚identité dela France, Espace et Histoire) vergleichbar wäre. Dem bedeutenden französischen Historiker Fernand Braudel, Vertreter der Schule Annales, gelang es im erwähnten Buch am Schnittpunkt von Geschichte, Geographie und Anthropologie das Schicksal seines Volkes festzuhalten und zu erkennen. Eine ähnliche Synthese, die zum Verständnis der historischen, geografischen und soziokulturellen Bedingungen der tschechischen nationalen Existenz führen würde, und die das Sudetenland als Ort in unserer Geschichte anerkennt, vermissen wir immer noch fühlbar.

Der amerikanische Historiker Frederick Jackson Turner hebt in seinem Buch „Die Rolle der Grenze in der amerikanischen Geschichte” (The Frontier in American History) die Schlüsselbedeutung von „Grenze” und „dem Leben an der Grenze” in der amerikanischen Geschichte hervor, als ein Teil des Vaterlandes, aus dem eine neue und ganz eigene Zivilisation und deren Identität hervorging. An Turner knüpft später Präsident John Fitzgerald Kennedy an, als er in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in seiner berühmten Rede als „neue Grenze” (New Frontier), die für die zukünftigen amerikanischen Bestrebungen angemessen ist, den Weltraum bezeichnet. Unser Ehrgeiz muss nicht so weit gehen. Es genügt, wenn wir uns auf die Städte, Dörfer, Kulturdenkmale und die Natur konzentrieren, die eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt liegen. Wäre es so naiv, von den Vertretern der tschechischen Politik etwas Ähnliches wie die Vision Kennedys zu erwarten? Das Sudetenland könnte so zu einem Gebiet werden, dank dessen Verwandlung sich eine moderne und selbstbewusste freie tschechische Gesellschaft konstituiert, die von den Traumata und Komplexen der Vergangenheit befreit ist.

Kulturen als Sphäre einer gemeinsamen moralischen Aufgabe entstehen aus großen historischen Herausforderungen und bekommen ihren Platz in der Geschichte dank der Art und Weise, mit der sie sich diesen Herausforderungen stellen. Ich meine, dass die tschechische Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten von der Geschichte keine andere Aufgabe der Zivilisation bekommt, als das Sudetenland ökonomisch, sozial und moralisch in den homogenen und demokratischen Raum des modernen tschechischen Staates zu integrieren.

Unsere Arbeit

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