Das Sudetenland ist noch nicht verloren

Tomáš Kafka, Diplomat und Publizist, im Buch Das verschwundene Sudetenland

Der Zweite Weltkrieg hat manches unwiederbringlich verschwinden lassen. Zu den bedingungslosen Verlusten wird bereits traditionell auch die einst so fruchtbare deutsch-tschechisch-jüdische Koexistenz im Herzen Europas gezählt. Womöglich mag dies nicht nur mit der brachialen Liquidation konkreter Menschenleben zu tun haben. Sondern vielleicht steht auch noch das eher abstrakte Verlangen nach einer schweren, aber zugleich auch verkraftbaren Strafe für all die Sünden dahinter, welche sich die so genannte moderne Welt während der Herrschaft der zwei größten totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts zuschulden kommen ließ. Dieser Logik folgend fielen nicht nur die Früchte des einst so befruchtenden gegenseitigen Aneinanderreibens ein für allemal der Vergangenheit anheim. Vom gleichen Schicksal wären dann auch ganze Landschaften betroffen, die einmal als Inbegriffe dieses Zusammenlebens in die Geschichte eingegangen sind.

Stimmt dies aber wirklich? Ist es tatsächlich so, dass beispielsweise das einstige Sudetenland schon als Identität stiftendes Phänomen auf immer verloren ist? Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage, verlangt viel Phantasie und Entschlossenheit, eine gehörige Portion Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl. Man darf nicht vergessen, dass dem diskutierten Verlust die Bedeutung einer ultimativen Ablehnung jeglicher unbeschwerter Kontinuität zugedacht wird. Wer diesen Bruch nicht sehen will, setzt sich zugleich auch der Gefahr aus, für die Trauer der davon Betroffenen blind zu sein und darüber hinaus aus der Geschichte nicht lernen zu wollen. Besonders Letzteres ist unheilvoll! Man darf zwar heute manches hinterfragen, gewisse Tabus sollte man aber niemals berühren. Zu diesem Tabu mag auch die Überzeugung gehören (die seit dem Zweiten Weltkrieg zum europäischen Bewusstsein gehört), dass man aus der Geschichte lernen sollte, um die alten Fehler nicht zu wiederholen.

Mit dieser Prämisse möchte ich gleich zu Anfang betonen, dass meine Überlegungen zum Thema, ob resp. inwieweit das Sudetenland verloren ist, sich keineswegs zum Ziel setzen, irgendetwas auch nur eine Spur zu relativieren. Andererseits möchte ich es allerdings auch wagen, in meinen Ausführungen den normalerweise zu beklagenden Strafaspekt auszuklammern. Zwar glaubt man es den jeweils eigenen Toten schuldig zu sein, doch wo man sich gegenseitig abstrafen will, dort haben es nicht nur die Sünden, sondern auch das Leben selbst schwer. Und die Trauer? Der gebührenden Trauer gehört unbestritten ein wichtiger Stellenwert in unserer Erinnerungskultur. Man sollte sich jedoch davor hüten, diesen Aspekt jeder Polemik zu diesem Thema gedankenlos beizumischen. Es geht dabei nicht um die Akteure, die damit schon irgendwie fertig werden. Es geht vielmehr um die Glaubwürdigkeit der Trauerarbeit selber.

Die könnte unabsichtlich kraft unserer kommunikativen Veranlagung gestört werden. Wie ein solcher Schaden entstehen kann, beschrieb der spanische Schriftsteller Javier Mariás ziemlich beeindruckend in seinem jüngsten Roman: „Wenn dir eine Aussage entschlüpft, die dich belastet, oder du dich in krasse Widersprüche verwickelst oder offen gestehst, dann werden diese Worte ihr Gewicht haben und sich gegen dich auswirken: Wir werden sie gehört haben, wir werden sie registrieren, zur Kenntnis nehmen, als gesagt betrachten, im Protokoll festhalten, sie in die Akte aufnehmen, und sie werden deine Anklage sein. Jeder Satz, der hilft, dich zu entlasten, wird dagegen leicht wiegen und verworfen werden, wir werden uns taub stellen und überhören, er wird nicht zählen, er wird Luft sein, Rauch, Dunst und sich nicht zu deinen Gunsten auswirken.“ Aus dieser Aussage über die menschliche Kommunikation leitet Mariás als entsprechende Schutzmaßnahme für jede betroffene Person ein neues Recht ab: das Recht auf Schweigen. Ich hoffe, es wird mit unserer Erinnerungskultur nie soweit kommen, dass man das Schweigen als neues Recht in unseren Verfassungen festhalten müsste. Man sollte sich jedoch der eigenen Schwächen bewusst sein, um nicht unnötigerweise zu verletzen oder auch selbst verletzt zu sein.

Nun aber zurück zum Sudetenland. Ich wage zu behaupten, dass es müßig wäre, darüber zu rätseln, ob es dieses Stück Landschaft noch gibt. Die Antwort muss eindeutig Ja sein. Am Fortbestehen einer Landschaft – vielleicht mit der Ausnahme der legendären Insel Atlantis – kann die demographische Entwicklung nichts ändern, egal wie gravierend oder gewalttätig sie auch vollzogen wurde. Viel komplizierter ist es allerdings mit dem Sudetenland als eine Identität stiftende Kulturlandschaft. Man ist in der heutigen tschechischen Gesellschaft eher geneigt, unter anderem im Hinblick auf die Respektbezeugung gegenüber den Opfern der Vertreibungen, die weitere Existenz des Sudetenlandes zumindest in Frage zu stellen, wenn nicht gleich ganz abzulehnen. Machen wir Tschechen es uns aber damit nicht allzu leicht? Denn sollte sich diese Si cht verstetigen, dann würde man nicht nur der Verwahrlosung des Sudetenlandes, mit der man mancherorts bis heute ganz drastisch konfrontiert ist, einen gewissen Sinn geben – so als ob es die weiterhin bestehende Landschaft, allerdings mit ihren neuen Bewohnern, nicht anders verdiene. Außerdem könnte damit auch jegliche Initiative, die sich früher, heute oder auch in der Zukunft gegen dieses Orakel sträubte, als ein Sakrileg angesehen werden.

Es mag sein, dass diese vorgetragenen Bedenken für die Hüter des alten, entwurzelten Sudetenlandes zu wenig wiegen und dass diese auch aus Gründen der Pietät bei ihrer Version des unwiederbringlichen Verlustes bleiben oder bleiben müssen. Ich kann dennoch nicht anders. Das Sudetenland ist für mich nicht nur am Leben, sondern bietet auch eine einmalige  Zukunftsperspektive. Diese wurzelt paradoxerweise eben in unserem Gefühl, die Vergangenheit nicht ohne weiteres vergehen lassen zu dürfen. Man möchte sich ihrer entsinnen, auch wenn dies manchmal um den Preis einer „Geschichtsinszenierung“ geschehen sollte! Damit ist nicht nur die museale Aufbewahrung der historischen Kausalitäten mitsamt den einschlägigen

Gegenständen und Dokumenten gemeint. Unsere „Geschichtsinszenierung“ erstreckt sich quasi auf alle Gebiete unserer alltäglichen Kultur, in denen man sich des eigenen Ursprungs, der eigenen Einmaligkeit (allerdings vor dem Hintergrund der großen Geschichte) vergewissern möchte. Man dreht historische Filme, man besucht Schauplätze der Geschichte, man verinnerlicht bestimmte Rituale und lernt Traditionen kennen, um am Ende glauben zu dürfen, dass man mit der Geschichte im Großen und Ganzen im Reinen ist. Von diesem Podest her fällt man schließlich nicht ungern eigene Urteile oder erteilt auch Absolutionen, die quasi durch den zeitlich gewonnenen Abstand an Wahrhaftigkeit gewinnen sollen. Die Zeit macht es möglich, dass der heutige Zeitgenosse sich seinen Vorgängern überlegen fühlen kann und gegenüber der Geschichte ein bequemes Ressentiment empfindet. Es ist ein Ressentiment, wie der bereits zitierte Javier Mariás schreibt, das man jenem gegenüber empfindet, „was nicht erfahrbar war und uns nichts schuldig ist, gegenüber dem, was bereits abgeschlossen ist und sich uns deshalb entzieht.“

Es gibt dabei viele Orte, wo eine solche „Geschichtsinszenierung“ besonders gedeihen mag. Und es gibt andererseits auch Orte, wo sie nur mühsam vorankommt und man es sich mit den eigenen Ressentiments nicht so einfach machen kann, da die Geschichte im Spiegel der Gegenwart einen unvollendeten Charakter, ein manchmal auch erschreckendes Antlitz zeigt. So ist es möglich, dass in Prag, das hinsichtlich der Einwohnerstruktur einen vergleichbaren Schock wie das Sudetenland erlebte, die Geschichtlichkeit heute nahezu auf Schritt und Tritt musealisiert und als solche von allen Touristen goutiert wird. Das Sudetenland erschreckt eben dieselben Leute, die in Bezug auf Prag gerne behaupten, auf der Suche nach genau dieser Geschichtlichkeit zu sein!

Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele. Eines davon haben die Macher der Ausstellung mit dem provokativen Titel „Das verschwundene Sudetenland“ prächtig dargeboten. Dank ihrem einfallsreichen Umgang mit der Problematik sowie auch den Problemen der Region zeigen sie unter anderem eine der zahlreichen Chancen auf, wie man heutzutage mit der Geschichte nahezu unmittelbar in Kontakt treten kann – wenn man es tatsächlich will. Und wie man sich den eigenen Umgang mit der Geschichte vorbehalten kann. Die Idee, auf welcher die ganze Ausstellung basiert – nämlich die Konfrontation der früheren Landschaftsbilder mit den heutigen – liegt eigentlich so nahe, dass es einen eher erstaunt, warum die deutsch-tschechischen Beziehungen bei ihrer gewissen „Sudetenlastigkeit“ so lange auf eine solche Ausstellung warten mussten. Vielleicht waren es aber eher moralische Gründe, eine Fixierung auf die so genannte Straflogik, welche es sowohl in Tschechien wie auch in Deutschland so lange als unpassend erscheinen ließen. Denn über eines muss man sich dabei im Klaren sein: Diese Ausstellung ist keineswegs eine einseitige Selbstbeschuldigung der tschechischen Seite, wie es womöglich vor allem einige Sudetendeutsche gerne interpretieren würden, sie ist genauso auch ein tschechisches Bekenntnis zu diesen Landschaften! Und es ist eben dieses Bekenntnis, welches uns alle hoffen lassen kann, dass diese Landschaft mit ihrer historischen Identität nicht nur nicht verloren ist, sondern auch eine gute Zukunft haben kann.

Es hängt nur von uns ab – den im heutigen Mitteleuropa lebenden Zeitgenossen – ob wir genug Kraft und Interesse aufbringen, unsere gemeinsame Geschichte nicht nur in Museen zu verewigen, sondern sie auch in der alltäglichen Praxis neu zu beleben. Man weiß schon dank der Aufklärung nach dem Zweiten Weltkrieg, dass es keine kollektive Schuld gibt. Und nicht nur dank den Achtundsechzigern weiß man, dass man der Geschichte mit keinem Schlussstrich beikommen kann. Nun ist es an uns, uns genauso eindrucksvoll zu eigen zu machen, dass unsere Welt in ihrer ständigen Veränderung keinen tatsächlich rekonstruierbaren Urzustand aufweist, dessen Beschädigung uns berechtigte, bestimmte Teile dieser heutigen Welt für verloren zu erklären. Der deutsche Schriftsteller Bernhard Schlink schrieb in seiner juristisch-kulturkritischen Abhandlung zum Thema

„Heimat“ unter anderem folgenden Satz: „Selbst wenn die unverrückbare und selbstverständliche Heimat der Vergangenheit keine Projektion, sondern historischer Befund ist – sie ist unwiederbringlich; in der Zukunft, in der Dimensionen des Lebens immer globaler werden, wird jeder Ort des Lebens verrückt werden können und sich kein Ort des Lebens von selbst verstehen.“ Was bleibt, ist festzustellen, dass es viele Verluste gibt, die man unbedingt beklagen sollte. Doch bleibt freilich noch vieles, was uns bei einem richtigen Herangehen Landschaften wie eben das Sudentenland immer wieder finden lässt.

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    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

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    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

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    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací