Das Sudetenland – was wir verloren haben und was wir gewinnen können

Ondřej Matějka, Antikomplex

Der Ausstellung „Das verschwundene Sudetenland“ wird ab und zu vorgeworfen, sie spräche für die deutsche Seite. Unsere Bilder zeigen angeblich, dass es früher schön war und heute ist es hässlich. Für uns, die Autoren der Ausstellung, ist das nicht so einfach. Gern würden wir über die Fotografien aus dem Sudetenland doch noch ein bisschen weiter nachdenken. Es ist selbstverständlich richtig, dass wir mithilfe der Bilder auf Veränderungen in dieser Landschaft aufmerksam machen, die man eher als Verlust bewerten kann. Gleichzeitig wollten wir nie an dieser Stelle aufhören. Von Anfang an haben wir geahnt, dass die wichtigste Frage nicht lautet: „Was haben wir verloren?“, sondern „Wie gehen wir damit um?“. Nur ist es nicht so einfach, auf so eine Frage eine Antwort zu geben. Diese muss erst gesucht werden. Und zwar von Menschen, die sich von dieser Landschaft, ihrer Vergangenheit und Gegenwart, inspirieren lassen wollen.

Schwer lässt sich beschreiben, wie erfrischend es ist, wenn wir in irgendeinem Winkel des Grenzgebietes wieder auf jemanden stoßen, der an der Erneuerung des dortigen Lebens arbeitet. Und es gibt nicht wenige dieser Menschen. Und wenn wir wollen, dass unsere Ausstellungen einen Sinn hat, dann sicher den, dass es ihrer mehr werden. Wir denken nicht, dass wir dafür mit unserer Ausstellung mehr als nur die Kleinigkeit getan haben, dass wir mit dem Vergleich alter und neuer Fotografien versucht haben, wenigstens eine Frage auszusprechen, die diese Landschaft hervorruft. „Wie hat es in den von den Sudetendeutschen bewohnten Gebieten früher ausgesehen?“ Und dann haben wir versucht, eine einfache und zugegebenermaßen nicht umfassende Antwort zu geben: „Das Sudetenland war ein wenig bewohnter, freundlicher, kultivierter, lebendiger als heute.“ Wir haben so im guten Glauben gehandelt, dass es gelingt, weitere Menschen zum Nachdenken über diese Landschaft (und nicht nur über sie) zu gewinnen. Wir wollen zeigen, dass dies eine Landschaft voller Bedeutung ist, über die es sich lohnt nachzudenken. Denn es drängen sich geradezu weitere Fragen, Themen und Zusammenhänge auf. Wir wollen versuchen, wenigstens einiges davon zu formulieren, was uns beim Betrachten der Bildpaare einfällt. Nehmen Sie es uns nicht übel, wenn wir damit anfangen, was wir in den Grenzregionen verloren haben. Wenn wir in dieser Hinsicht eine Vorstellung haben, können wir das Leben, das sich heute im Sudetenland entwickelt, um eine Erkenntnis reicher begrüßen.

Was also beobachten wir auf den Fotografien? Da ist auf der einen Seite eine unübersehbare Schicht des Verlustes, derer wir uns im heutigen Grenzgebiet bewusst werden können. Mancherorts verschwanden ganze Dörfer; in den Orten, die erhalten blieben, sehen wir viel mehr Bäume und noch mehr Gebüsch oder Stillleben mit Brennnesseln, was nicht selten den Eindruck von Verlassenheit hervorruft. Die offene Landschaft ist im Gegensatz zu früher viel weniger gestaltet. Dort, wo einst Menschen den Blick in die Landschaft schweifen ließen, finden wir heute undurchdringliches Geäst. Manche der schönsten und wertvollsten Gebiete, wie beispielsweise die Kammwälder unserer Grenzgebirge, wurden sogar gedankenlos zerstört. Wenn wir bei unserem Nachdenken gründlich sein wollen, müssen wir ergänzen, dass dies alles zwar gut zu erkennen, aber nicht die einzige, wahrscheinlich nicht einmal die wichtigste Form des Verlustes ist, die wir in unsere Überlegungen über das Sudetenland einbeziehen sollten.

Die schmerzhaftesten Verluste, die die Abschiebung der Deutschen für diese Landschaft bedeutete, erkennt man erst, wenn man im Grenzgebiet lebt und sich dort bemüht, ein gesellschaftliches Leben auf einem oft kläglichen Niveau zu schaffen. Die Abschiebung war ein sehr schwerer Eingriff in die Entwicklung des Grenzgebietes. Es handelt sich um das dramatischste sozialdemografische Ereignis unserer neueren Geschichte. Zwischen 1945 und 1947 waren in unserem Land ungefähr fünf Millionen Menschen in Bewegung. Praktisch sofort nach der massenhaften Abschiebung der Deutschen zogen die neuen Bewohner – in der Mehrheit aus dem Landesinneren – in das Grenzgebiet. Dort wohnten bereits im Jahre 1947 1,9 Millionen Menschen. Der Bevölkerungsaustausch hätte nicht so ein Problem sein müssen, wenn sechzig Jahre nach diesem Ereignis eine ähnlich gut funktionierende Gesellschaft wie vor der Abschiebung dort leben würde. Unsere Grenzregionen werden zum größten Teil von einer Gesellschaft bewohnt, deren „Lebensfunktionen“ bis heute noch nicht voll entwickelt sind. Die Menschen leben dort oft fast ohne Interesse daran, was sich um sie herum tut. Es ist dort schwieriger, Menschen zu organisieren. Und Bürgerinitiativen und Vereine bilden sich erst in den letzten Jahren wieder. Der Einwand, dass dies eigentlich für die ganze tschechische Gesellschaft gilt, ist sicher richtig. Denn im Grunde genommen ist dies vor allem ein Ergebnis der kommunistischen Bemühungen, alle spontanen Äußerungen des gesellschaftlichen Organismus zu unterbinden. Die Grenzgebiete waren aber diesen bösartigen Praktiken gegenüber besonders wehrlos. Unter den ersten Siedlern waren nämlich solche, die nur wenige Voraussetzungen dafür hatten, eine funktionierende Gesellschaft zu begründen – Abenteurer und so genannte Goldsucher. In der kommunistischen Totalität hatten die Neusiedler dann nur sehr begrenzte Möglichkeiten. Jeder, der einmal irgendwo die Gelegenheit hatte zu sehen, wie schwierig sich hier die Organisation gesellschaftlicher Aktivitäten gestalten kann, weiß um die Unbezahlbarkeit zwischenmenschlicher Beziehungen und einer lebendigen Beziehung zum Ort, an dem man lebt. Und er kennt damit auch den Preis, den wir gewollt oder ungewollt für die Abschiebung der Deutschen bezahlten.

Wenn wir aber in unseren Überlegungen zu diesen Verlusten wirklich gründlich sein wollen, müssen wir wenigstens eine Form der Verluste begreifen, die das Ergebnis der Abschiebung der Deutschen ist. Für unser Land ging nicht nur die Kraft der Menschen, die mit uns gemeinsam die Landschaft gestalteten, sondern auch die Kraft der Menschen, die uns beeinflussten, verloren. Sie sind verloren für unsere – nennen wir es – nationale Entwicklung. Man kann nicht verschweigen, dass das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen sich in den letzten Jahrzehnten vor seinem Ende fortwährend gespannter und gefährlich zugespitzt gestaltete. Aber war es nicht gleichzeitig eine Zeit bemerkenswerter ökonomischer, kultureller und politischer Leistungen, an die wir uns heute etwas beschämt erinnern? Die Notwendigkeit, sich mit den Deutschen zu arrangieren, war der unbezweifelbare Grund für die vielschichtige Entwicklung der tschechischen Gesellschaft.

Die Notwendigkeit, schwierige Hindernisse zu überwinden vervollkommnet aber den Menschen und damit auch die ganze Gesellschaft mehr als ein Leben, das um ein großes Thema ärmer ist. Selbstverständlich wäre das Zusammenleben mit den Deutschen nach dem Krieg eine fast unüberwindliche Hürde gewesen. Aber haben wir uns nicht betrogen, als wir sie „nur“ abschoben, ohne dass wir versucht hätten, eine freimütigere und auch ehrenhaftere Lösung zu finden. Doch das können wir nicht mehr rückgängig machen. Aber sehen wir es wenigstens als Gelegenheit zum Nachdenken darüber, was heute unsere Entwicklung vorantreibt. Welche Kräfte bringen uns heute vorwärts? Finden wir erneut eine mächtige und lebendige Kraft, ähnlich der, die uns zum Zusammenleben mit den Sudetendeutschen ermunterte?

Wenn wir aber aufmerksam in das Sudetenland blicken, können wir in den letzten Jahren eine zwar langsame, aber nicht zu übersehende, hoffnungsvolle Entwicklung beobachten. Themen wie das „verschwundene Sudetenland“ und die „Abschiebung der Deutschen“ sind schon einige Zeit nicht mehr nur der Spiegel, der uns eine trübe Selbsterkenntnis ermöglicht. Wir finden heute mehr Sachlichkeit in der Diskussion um diese Themen, die zudem eine fruchtbare Sachlichkeit ist. Dank der Bemühungen vieler konkreter Menschen werden verlassene Häuser und Kirchen erneuert, Bildstöcke und sogar ganze Kreuzwege restauriert. Gleichzeitig verändert sich der Blick auf die Landschaft – anstelle der gewohnten Gleichgültigkeit wird wieder darüber nachgedacht, wie diese für den Menschen zugänglich und anziehend gemacht werden kann. Nicht

immer muss das die Wiederherstellung ihrer alten Gestalt sein. Vielerorts kann die „Wildnis“, die sich der Landschaft in den letzten sechzig Jahren bemächtigt hat, eher eine Zukunft bedeuten als deren aufopferungsvolle „Zähmung“ durch den Menschen. In der Gegend um Duppau beispielsweise, wo bis jetzt ein Armeegelände ist, zeichnet sich die Einrichtung eines außerordentlichen Naturschutzgebietes ab. Inspirativ ist nicht nur die Arbeit, sondern noch mehr die Art und Weise, wie Menschen über die Orte, an denen sie leben und denen sie nützlich sein wollen, nachdenken. Wir können ein sehr sensibles Anknüpfen an die abgerissenen Fäden, aber auch ganz neue Ideen wahrnehmen. Niemand behauptet nämlich, dass es „lediglich“ notwendige ist, das „verschwundene Sudetenland“ wiederherzustellen oder es in irgendeiner Weise wiederkehren zu lassen, es müsste vielmehr mit einem neuen Inhalt gefüllt werden. Es ist schwierig, einem tot geglaubten Ort Leben einzuhauchen, aber manchmal gelingt es. Es entstehen bescheidene Museen, Kulturzentren, Tourismus auf dem Lande.

Bisher kann man nicht sagen, dass die Landschaft in den Grenzregionen eine solche Kraft ist, wie sie in uns ihre einstigen Bewohner weckten. Im Grunde genommen handelt es sich um Scherben, wenn es auch ermutigende Scherben sind. Dennoch – das Sudetenland ist ein Gebiet voller Inspiration. Vielleicht dank einer Vielzahl von Spuren aus der bewegten deutschen Vergangenheit, aber vielleicht auch aufgrund einer größeren Zuspitzung der Probleme, als wir es aus dem Landesinneren gewöhnt sind. Das Sudetenland wurde so unverhofft zu einem Laboratorium, in dem wir beobachten können, womit das kommunistische totalitäre Regime unser ganzes Land überschwemmte. Vielleicht gerade aufgrund dieser bemerkenswert ergiebigen „Mischung“ wächst die Zahl derer, die sich durch die Regionen des Sudetenlandes ansprechen lassen und für sie etwas tun wollen. Eine wichtige Eigenschaft, die sie von den meisten dortigen Einwohnern unterscheidet, ist vor allem ihr Mut. Sie haben keine Angst, sich der wenig verführerischen Realität zu stellen und fühlen keine Bedrohung darin, sich auch zu dieser Seite der tschechischen Vergangenheit zu bekennen. Es sind wichtige Menschen, unersetzlich, auch wenn mancher sie immer noch feindselig betrachtet. Angeblich bohren sie nur in alten Wunden. Dabei widmen sie sich einfach und ehrlich dem, was sie in den Grenzregionen vorfinden und was dort am meisten zu Hause ist. Wir raten zu verfolgen, wie man in dieser Landschaft „auf ein neues Leben baut“. Es ist hoffnungsvoll und lehrreich auch für die Menschen aus dem Landesinneren. Denn einen erstarrten Raum zu beleben, sei es dessen Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft oder dessen Natur, das ist keine Aufgabe, die man auf das Gebiet entlang unserer Grenzen beschränken kann.

Unsere Arbeit

  • Unser neues Buch

    Weggehen und Wiederkehr

    Weggehen und Wiederkehr

    Das Leben der Deutschen in Sudetenland, die Vertreibung nach 1945, Herrkkunft nach Bayern und ein langer Prozess der Integration. Welche Erinnerungen haben die vetriebene Deutschen aus dieser Zeit und wie verändern sie sich im Rahmen der Generationen? Wie im Gegenteil schauen die Tschechen aus Sudetenland die deutsche Vergangenheit an? Das Buch ist eine Übersetzung aus dem deutschen Original Erinnerungskultur und Lebensläufe. Více informací

  • Buch

    Bei uns verblieben

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    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

  • Buch

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Sudeten früher und heute anhand von Fotografien. Unser Bestseller gibt eine bildliche Antwort auf die Fragen, die sich jeder stellt, der in die Landschaft des Grenzgebietes kommt und Lust hat, darüber nachzudenken, was uns eigentlich diese Landschaft hinterlassen hat. Více informací

  • Ausstellung

    Tragische Erinnerungsorte

    Tragische Erinnerungsorte

    Seit dem Jahr 2010 ist diese Wanderausstellung unterwegs, bei der Sie von Schülern nordböhmischer Gymnasien an tragische Stellen in ihrer Region in der Zeit von 1938 bis 1945 geführt werden. Mit einer Reihe von Geschichten aus Aussig, Komotau, Postelberg, Kaaden, Saaz und anderen Orten können Sie Einblick nehmen in das Zusammenleben der beiden Völker in der Mitte Europas. Wenn auch Sie die Wanderausstellung bestellen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter: info@antikomplex.cz Více informací

  • Ausstellung

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

  • Buch

    Sudetengeschichten

    Sudetengeschichten

    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací