Der Genius loci in der Kulturlandschaft, Insbesondere in den Grenzregionen

Petr Mikšíček, Kulturwissenschaftler, Antikomplex

In der Kulturlandschaft verbirgt sich eine Reihe von „Daten“, die viel über das ökologische Verhalten des Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt verraten. In einer mehr und mehr globalisierten Welt wird unsere Beziehung zur Landschaft, zu ihrem Bild und zu ihrem Einfluss auf das Leben ihrer Bewohner – also auf uns – zu einer der wenigen Beziehungen, die den Tendenzen der Vereinheitlichung und der Oberflächlichkeit die Stirn bieten. Unsere Landschaft schützt so Zeugnisse von Eigenheit, regionaler Unterschiedlichkeit und kultureller Vielfalt, die untrennbar zum Reichtum der menschlichen Geschichte gehören. Václav Cílek drückt dies in seinem Buch „Krajiny vnitřní a vnější“ folgendermaßen aus: „So wie der Mensch die Landschaft formt, so formt auch die Landschaft den Menschen.“

Die Landschaft, wie wir sie aus unseren geografischen Längen und Breiten kennen, ist das größte Projekt in der Geschichte des Menschen. Weil er als einziges Lebewesen keine eigene Umgebung hat, die auf allgemeingültigen Symbolen und Werten aufbaut, musste der Mensch die Landschaft gestalten. Er brauchte zur Erhaltung seines Lebens eine Umwelt, die zu seinem Zuhause wird. Bis heute arbeitet er an ihr, erhält sie und entwickelt sie gemäß seiner derzeitigen und langfristigen Bedürfnisse. Jeder Mensch hat die Chance, in dieses Projekt einzugreifen, und tut dies auch.

Grundlegende Motivation aller Mitwirkenden ist die Schaffung eines sicheren, vertrauten, bedeutungsvollen und mehr oder weniger kompatiblen – also verbindbaren – Raumes. Diese Verbindung zwischen menschlicher Welt und Natur soll damit auch „zur ökologischen Stabilität beitragen.“ Es entstanden auf diese Weise zuerst Inseln, später durch Wege verbundene Gebiete, mit deren Hilfe sich das Projekt Kultur und Kulturlandschaft ausbreiten konnte – es entstand ein so genannter „kultureller Korridor“. Um diese gestalteten Flächen blieben Teile der mehr oder weniger „wilden“ Natur erhalten, gegen die sich der Mensch abgrenzte. Er war sich dessen bewusst, dass er den selbstregulierenden Schoß der Mutter Erde verlässt, aber er brauchte zur Verwirklichung seines Lebens und seiner Vorstellungen andere Orte.

Kulturlandschaft versteht sich als Mittel zur Anpassung des Menschen an seine Umwelt. Sie ist das Ergebnis menschlicher Arbeit zur Sicherung der Ernährungsgrundlage und der Projektion menschlicher Vorstellungskraft in die Natur, die ein Gefühl des „Zuhause-Seins“ schafft. Je umfassender das Projekt Kulturlandschaft war und je mehr Menschen ihre eigenen Vorstellungen von der Welt einbrachten, desto mehr Schönheit, Vielfalt und Symbolik gewann die Landschaft. Sie war funktionell, persönlich, gleichzeitig sehr kompatibel und in ihrer Ganzheit harmonisch.

Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts begann sich die Beschäftigungsstruktur der Bevölkerung zu ändern, und gleichzeitig erhöhte sich auch die Zahl der Menschen. Das Projekt Landschaft verlor die Unterstützung eines breiten Kreises von Mitwirkenden – es blieben lediglich diejenigen, die sich beruflich mit der Landschaft beschäftigen (müssen). Immer weniger Menschen sind in der Landwirtschaft tätig, Häuser werden schlüsselfertig und nach Schablone gebaut. Auch die Baumaterialien selbst werden vereinheitlicht. Der Verlust des Gedächtnisses der Landschaft gehört zu den Ursachen für eine Architektur, die unfähig ist, an Traditionen anzuknüpfen. Oft zogen gerade die fähigeren Menschen vom Land in die Stadt. In der letzten Zeit kommt es zwar zu einer individuellen Rückkehr einzelner Menschen auf das Land, diese haben aber nur wenige Informationen über das Leben im landschaftlichen Kontext. In der Folge entstehen Siedlungen und Häuser, die nicht mit ihrer Umgebung kommunizieren oder romantische Träumereien ohne Bezug zum Alltag. Die Landschaft verliert mit diesem Prozess die sie Schaffenden, die Stadt verliert die Landschaft und die Menschen verlieren das Interesse an beidem.

Die Welt des Menschen beginnt sich auf andere Projekte zu konzentrieren, die nur von einer kleinen Gruppe gestaltet werden, vor allem von Menschen mit engen und eigennützigen Interessen. Es geht die Ganzheitlichkeit als bewusstes Ziel des menschlichen Daseins verloren. Die Menschen verbringen ihre Zeit mit der „Pflege“ eines aufgezwungenen Lebensstils in einer mehr und mehr virtuellen Welt. Durch die Landschaft fährt man nur schnell hindurch, bestenfalls sonnt man sich oder badet dort. Immer weniger wird aber in ihr gearbeitet. In den Städten wurde im Laufe ihrer tausendjährigen Tradition eine soziale Umwelt geschaffen, in der sich Menschen treffen und kennen lernen können. Ebenso wie der Dorfplatz auf dem Land, wirken Stadtplätze, Boulevards, Märkte und Parks gegen die Anonymität der Städte.

Solange sich die Entwicklung der Stadt innerhalb ihrer Festungsmauern abspielte, musste man sorgfältig planen. Mit dem 19. Jahrhundert, als die Stadt ihre Mauern sprengte und die ersten Vorstädte entstanden, begann die Zeit des neuzeitlichen Städtebaus: Schnelles, praktisches Wohnen wird der Schaffung einer bewohnten sozialen Umwelt vorgezogen. Um die Städte finden wir neue Siedlungen und Gemeinden, die nach und nach Teil der Großstadt wurden. Ihnen fehlt ein Zentrum, wie Kirche, Schule, Teich, Park oder andere gemeinnützige Einrichtungen. Dagegen finden wir hier mit Sicherheit eine Raststätte und einen Autohändler, Fabrikhallen, Tankstellen und Lager für Fußbodenbeläge. Das Auto ist in dieser Umwelt Lebensgrundlage. Die Fahrt zur Arbeit in die Stadt führt zum Verkehrskollaps der Metropole. Ihr sozialer Raum, der so lange sorgfältig und überlegt geschaffen wurde, wird damit zerstört.

Es ist nicht ganz abwegig, daran zu erinnern, dass das Gebiet um Prag ab und zu als „inneres Sudetenland“ bezeichnet wird. Ursache ist die Nähe zu diesem starken soziokulturellen und ökonomischen Zentrum. Ergebnis ist die Entwurzelung der Gesellschaft, die Zerstörung der Bindung ihrer Mitglieder zu der sie umgebenden Umwelt und die Umwandlung dieses Gebiets zum Erholungsraum der Großstadt. Eine weitere Begleiterscheinung ist die Entstehung von isolierten Satellitenstädten ohne eigene Kultur. Diesen Prozess können wir bei der Mehrheit der Großstädte in der Welt beobachten. Er wird als „urban sprawl“ – „Zerfließen der Stadt“ bezeichnet.

Kommen wir aber nun wieder zurück zur Entwurzelung und deren Folgen, die wir in Landschaft, Kultur und Architektur des ehemaligen Siedlungsgebietes der Sudetendeutschen finden. Wenn wir auch über die ethnografischen, kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede der einzelnen Regionen des tschechischen Grenzgebietes nicht hinwegsehen wollen, so erlauben wir uns doch, vor allem auf die ihnen gemeinsamen Probleme aufmerksam zu machen.

In unserem Land finden wir viele Orte, an denen man aufgehört hat zu leben. Das Eigentum wurde mitgenommen, gestohlen oder zerstört. Es blieben jedoch viele Artefakte erhalten, die nach den Veränderungen in der Gesellschaft und in den Besitzverhältnissen nun ohne Eigentümer und Pflege sind. Es blieben die Gebäude der ehemaligen LPGs, Felder, Wälder, Wiesen. Dies alles beginnt zu verfallen oder zuzuwachsen. Anstelle der Kulturlandschaft tritt Sukzession.

Ein weiteres Element, das in der Landschaft überdauerte und uns auf ihre Geschichte verweist, sind (kleine) kirchliche Denkmäler. Bildstöcke, Kreuze und Kreuzwege können auf wichtige lokale Ereignisse aufmerksam machen. Sie verweisen auf die Beziehung der Menschen zu Gott. Damit hatten sie gleich eine vierfache Bedeutung: symbolisch (sie führen den Besucher zu besonderen Punkten in der Landschaft), religiös (die Möglichkeit zu beten und seine Rolle in der göttlichen Ordnung zu finden), geschichtlich (Beziehung zu einem bestimmten Ereignis) und kunsthandwerklich (jeder Bildstock oder Ähnliches nach einem anderen Vorbild gearbeitet, regionale Eigenheiten).

Eines der grundlegenden Probleme, das in der heutigen Zeit darüber entscheidet, wie wir mit dem kulturellen Erbe unserer Landschaft umgehen, ist die Frage, ob die materiellen Kulturdenkmäler aus diesem Raum „evakuiert“ oder an ihrem Ursprungsort belassen werden sollen. Wenn die Kultur unseres ländlichen Raumes erneuert wird, müssen wir auch über diese Frage nachdenken und Entscheidungen treffen. Im Zusammenhang damit ist ein Fall sehr interessant, auf den der Journalist Tomáš Feřtek gestoßen ist. Bei Gratzen in Südböhmen lernte er Herrn Blíženec kennen, der sich bemüht, Denkmäler zu erneuern und Kulturlandschaft nach alten Mustern zu schaffen, so wie wir sie aus der Vergangenheit kennen. Sein Credo ist die Erneuerung des Denkmals und dessen Verbleib am ursprünglichen Ort. Er akzeptiert keine Umsetzung an einen schöneren, bewohnteren oder besuchteren Ort. Besonders in den Grenzgebieten ist es wichtig, die Reste des Gedächtnisses der Landschaft zu erhalten, da sie einen Großteil ihrer Erinnerungen verloren hat. Somit vermittelt ein Bildstock im Gebüsch, so meint Herr Blíženec, eben die Botschaft, die hier zu uns sprechen sollte: „Seht, hier ist nichts Schönes oder gar Lebendiges, aber einst stand hier ein Dorf, führten Wege hier entlang. Menschen karnen hier vorbei, freuten sich an der Welt. Hier ist etwas passiert und deshalb steht hier dieser Bildstock.“

Der Besitzer einer Hütte in eben derselben Gegend ist entgegengesetzter Meinung. Damit wir die Menschen in der Landschaft halten, müssen wir ihnen das Leben in ihr nahe bringen und die Pflege, um sie wahrzunehmen, lehren, müssen wir ihnen schöne Wege bieten und diese mit lokalen kulturellen Artefakten rahmen. Nur so locken wir Touristen, Investoren und eben das Leben hierher. Sein Credo ist also die Umsetzung der kleineren Denkmale in der Landschaft auf „Lehrpfade“, das Gedächtnis der Landschaft soll auf einen kleinen Raum konzentriert und damit eine ganze Region vorgestellt werden.

Es ist klar, dass sich beide Herren in ihrer Auffassung zu dieser Problematik nicht verstehen. Umso interessanter ist, dass sich beide trafen, eben bei den Bildstöcken. Einer wollte sie erneuern und am Ort belassen, der andere wollte sie umsetzen. Es entbrannte so ein grundlegender Streit...

In Fachkreisen wird folgende Meinung vertreten: „Um die Erhaltung einer Landschaft zu bewerten, muss sie in erster Linie in visuell verbundene Räume geteilt werden, die durch Barrieren getrennt sind – in Landschaftseinheiten. Es wäre nämlich für das Landschaftsbild sinnlos, nur einen Bildstock oder einen schönen Baum inmitten einer Müllhalde zu schützen.“ Es ist damit klar, dass den Bemühungen bei der Suche nach einer neuen Aufgabe der Denkmäler im Interesse der Erhaltung ihres Denkmalwertes nicht entgegengetreten wird, auch dann nicht, wenn sie an einen ganz anderen Ort und in einen anderen Kontext umgesetzt werden. Das Gebiet allerdings, in dem ein Stück Landschaftskultur verloren ging, ist damit vielleicht definitiv abgeschrieben.

Wer hat heute das Recht, darüber zu entscheiden, ob ein Denkmal dort stehen bleibt, wo es ist oder ob es umgesetzt wird? Sollen wir das Gedächtnis der Landschaft erhalten, auch wenn es niemandem nutzen wird, oder sollen wir es in die Nähe unserer Luxushäuser umsetzen und uns so eine kulturell-landschaftliche Zone in der Umgebung unserer Städte schaffen?

Das Tückische an dieser Frage ist aber der Fakt, dass man für beide Meinungen im Umgang mit dem kulturellen Erbe gute Gründe zu ihrer Verteidigung finden kann. Es scheint, dass es nicht wichtig sein wird, wie dieser oder jener entscheidet. Wichtig wird sein, dass mit dem Denkmal und der historischen Landschaft einfühlsam und geschmackvoll umgegangen wird. Wenn es zu einem solchen Streit wie im Gratzener Gebirge kommt, muss dies jedoch ein Gesetz lösen, das objektiv Prioritäten setzt und gleichzeitig auf dem Kontext des Denkmales beharrt.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass das Sudetenland seinen Genius loci hat. Man kann sich aber darüber streiten, ob dieser lebendig oder eher tot ist. Christian Norberg Schultz spricht vom Genius loci als einem besonderen Wirken der positiven Werte eines bewohnten Raumes. Der Geist eines Ortes wird von seiner geografischen Lage, der Geschichte des Ortes, der Architektur und seiner Symbolik geprägt. Mit dem verwendeten Begriff wird der Wohnort des Menschen folgendermaßen beschrieben:

„Er entstand während eines langsamen Evolutionsprozesses, er ermöglichte eine Selbstorganisation auf der Grundlage von negativen und positiven Wirkungen. Bei einer solchen Schaffung der Umwelt kam es zu einer Formenauswahl, die sowohl die natürliche Charakteristik als auch die Bedürfnisse des alltäglichen Lebens respektierte und gleichzeitig die Idealvorstellung des Menschen von der Welt und seiner eigenen Bestimmung ausdrückten.“

Beide Autoren sprechen in ihren Büchern nicht vom Geist solcher Orte, die eine einschneidende Veränderung erlebten.

Kann man in einer gestörten Landschaft überhaupt von einem Genius loci sprechen? Widersprechen sich nicht schon diese beiden Worte?

Wenn wir die Problematik um die Anerkennung des Genius loci im Sudetenland unter diesem Gesichtspunkt betrachten, können wir feststellen, dass unsere eingangs gestellte Frage eine Antwort gefunden hat.

Das Sudetenland ist ein Ort, der den Genius loci verloren hat und heute langsam wieder zum Leben seines direkten Nachfolgers erwacht, der aus der Rekonstruktion des ursprünglichen hervorgeht. Dieser wird aber ein Werk respektieren müssen, das der wilde Geist der kommunistischen Jahre hinterließ, der hier so lange regierte. Es war ein starker Sturm und eine destruktive Kraft, die sämtliche Äußerungen des Landschaftsbildes, der architektonischen Charakteristik und kulturellen Tradition nivellierte und zerstörte. Dieser Sturm verwüstete die reichste kulturelle Schicht des Grenzgebietes, hinterließ hier uniforme Gebäude und verschleppte ganze Dörfer, die sich in den Tiefen dieser Landschaft fanden. Mit sich führte er Wildnis und Stille, die hier nach diesem Sturm zurückblieben – und zum neuen Genius loci wurden. Eben diese Stille, die Schönheit der Natur und das Haus, das man sich wieder herrichten kann, wurden zur Sehnsucht des Städters.

Diese Auslegung der Gestalt des Grenzgebietes geht aber von einem weiter gefassten Begriff des Genius loci aus. In diesem weiteren Wortsinn zeigt er uns nämlich eine ganz andere Sicht auf die Sache. Ein auf diese Weise begriffener Geist eines Ortes wird als Wert angesehen, der nicht wertend ist. Jeder Ort, der durch den menschlichen Eingriff interpretiert wurde, gewinnt eine Idee, einen Geist.

Die heutige Auffassung des Genius loci ist also eine Folge der Abkehr vom geschaffenen Raum.

Wenn in der Landschaft, in einer Gemeinde oder Stadt die ursprüngliche traditionelle Architektur vorhanden ist und mit einer neuen, den lokalen Charakter nicht respektierenden Architektur in Kontrast tritt, kommt es zu Brüchen im ursprünglichen Genius loci. Erstere ist gerade das Leitmotiv, nach welchem das Ortsbild schrittweise erneuert werden kann. Die zitierte Meinung ist auch ein Argument, warum die Kulturlandschaft im Grenzgebiet auf der Grundlage einer Umstellung von Denkmälern und Umbauten erneuert werden kann. Das vorgestellte Modell ist das Gegenteil vom böhmischen Landesinneren, denn hier blieb das Bewusstsein von Traditionen und Geschehnissen verbunden mit der Landschaft und der Architektur im Leben der Einwohner erhalten. Die Gesellschaft ist dann fähig, diese Tradition an jedem beliebigen Ort aufrechtzuerhalten.

Der ursprüngliche Geist des Sudetenlandes wurde stark geschädigt. Es erhielt sich ein Teil seiner materiellen Seite, seine kulturellen und geistigen Aspekte verschwanden fast vollständig. Der neue Geist des Ortes lebt, hat jedoch einen ganz anderen Charakter. In der Zukunft wird sich zeigen, ob die Anstrengung um die Erneuerung der Traditionen oder die Schaffung neuer Werte für eine Umwelt, die sich diskontinuierlich entwickelt hat, der bessere Weg ist.

Im Sudetenland wurde nach anderen Mustern als im übrigen Böhmen gebaut. Die Architektur ist ein grundlegender Aspekt, nach dem wir die kulturelle Grenze zwischen dem Landesinneren und dem Grenzgebiet erkennen können. Künstliche Orte, wie sie Christian Norberg-Schulz begreift, sind in der Regel im Dialog zwischen Urbanismus und einem reichen Landschaftsrelief entstanden. Der dominanteste Platz in der Umgebung von Flüssen wurde deshalb am schnellsten genutzt – wie beispielsweise die Stadt Elbogen am felsigen Ufer des Eger-Mäanders. Das Bild der bewohnten Landschaft wird von einer Agrarkultur unter extremen Bedingungen bestimmt. Das kleine Feld hinter dem Haus bedeutete Überleben in den langen Wintermonaten. Deshalb war die damalige Landschaft mit ihren bewirtschafteten und besiedelten Südhängen so intensiv gestaltet.

Einer der grundlegenden Faktoren bei der Neuinterpretation des Landschaftsbildes im Grenzgebiet nach 1945 war die Beziehung der Neusiedler zur Architektur, zur Tradition, zur Wohnkultur. Die Anpassung des Genius loci der von der deutschen Kultur beeinflussten Gebiete an den tschechischen Geschmack war entscheidend in der Beziehung zum Grenzgebiet überhaupt. Im Jahre 1945 waren immer noch so viele erhaltene Gebäude und architektonische Details vorhanden, dass es niemandem einfiel, diese wertvollen Bauten zu rekonstruieren. Im Gegenteil, man musste die „deutschen grauen Gesichter“ mit bunten Farben und einem Lächeln wie von Schwejk aufheitern. Sehr schnell ging so der bisherige Charakter der Landschaft des Bergvorlandes und Gebirges verloren. Die Häuser waren günstig und so zahlreich, dass sie eigentlich keinen Wert hatten. Das Überangebot an Wohnraum und fehlendes Gefühl für die deutsche Tradition sind bis heute für den Zugang zum Ort und seiner architektonischen Entwicklung kennzeichnend. Bis die Besitzer von Hütten, die zum Urlaub hier herkommen, das ursprüngliche Aussehen der Häuser als Vorbild und als ästhetischen Wert des Grenzgebietes ansahen. Es war ihnen gleich, ob es die deutsche Tradition symbolisierte oder nicht. Diese Art von Häusern passte einfach in die Umgebung, sie passten hierher, war Symbol der Berglandschaft, die unsere ist und unsere auch in Zukunft sein wird. Eine unterschiedliche Auffassung bei der Rekonstruktion hatten die Alteingesessenen, sowohl deutsche als auch tschechische, und auf der anderen Seite die Neusiedler, die neue Wohn- und Bauformen viel intensiver aufnahmen. Im nordböhmischen Grenzgebiet waren beispielsweise der Umbau von Fenstern und Türen sowie die Umgestaltung von Fassaden sehr selten und kamen im Wesentlichen nur bei Neusiedlern vor. Für die Alteingesessenen waren solche Umbauten undenkbar. Hier zeigte sich ein ererbter Konservatismus und die Tradition vieler vorausgegangener Generationen. Nach ihrer Vorstellung hatte Modernität an einem alten Gebäude nichts zu suchen. Moderne Gebäude sind auf der grünen Wiese zu bauen.

Die Mehrheit der neu Hinzugezogenen musste sich erst einige Jahre an die neue Wohnumwelt gewöhnen. Zudem war ein Teil der Wohnungen in den Dörfern der Grenzregion in Folge der Kriegsverhältnisse, der sozialen Stellung der Deutschen und ihrer sicherlich konservativen Haltung auf einem relativ geringen Niveau, in manche mussten erst jetzt Strom- und Wasserleitungen gelegt werden. Es war klar, dass die neuen Bewohner das Aussehen der Architektur im Grenzgebiet bedeutend verändern würden, womit sie sich aus der Gemeinschaft der Alteingesessenen ausschlossen und alle Hinweise auf die einstige deutsche Kultur auslöschten. Man wollte die Menschen hauptsächlich in diesen Regionen halten, und so kümmerte es niemanden, wie die Neusiedler eine Beziehung zu ihrem neuen Zuhause suchten und in die traditionelle Architektur eingriffen. Aus einer zeitlichen Entfernung wird klar, dass die Reinterpretation des kulturellen Codes im Grenzgebiet notwendig war. Neue Menschen schaffen ein neues Aussehen.

Im Unterschied zu dieser traditionellen und weisen Auffassung gingen die Neusiedler bei ihren Bemühungen um ein Zuhause im Widerspruch zu denkmalpflegerischen Grundsätzen und zum ästhetischen sowie historischen Gefühl vor. Auf die Gründe geht ein Artikel von Josef Scheybal in der Zeitschrift „Český lid“ ein: „Die Häuser im bergigen Grenzgebiet erschienen den Einwohnern des sonnigen böhmischen Tief- und Hügellandes traurig, kalt und dunkel. Es störte sie die Vorliebe der einstigen Bewohner für dunkle Farbtöne, es störte sie auch die Schwäche für die graue Farbe, die hier schon seit dem frühen Klassizismus traditionell verankert war, als die Holzhäuser der nordböhmischen Arbeitersiedlungen und –städtchen hellgrau gestrichen waren. Einige Neusiedler lernten erstmals Holz(fachwerk)konstruktionen kennen. Diese Bauweise erinnerte sie an die ursprüngliche Bevölkerung und deshalb suchten sie eine Möglichkeit, wie diese schnell und einfach zu verdecken war. Dazu kam noch der Aspekt Zweckmäßigkeit: die Bemühung, die schwache Wand zu verstärken, sie gegen Witterungseinflüsse zu schützen und so gleichzeitig den Innenraum zu dämmen. Mit den erhöhten Anforderungen an die Wohnkultur begann man auch die oberen Stockwerke intensiv auszubauen, in denen eigenständige Wohnungen entstanden, was zur Notwendigkeit führte, die Wände zu verstärken und zu konservieren. Viele begnügten sich mit einer inneren Erneuerung, andere „verkleideten“ ihr Haus von innen und außen so, dass sein urprüngliches Material unter Schichten von Pressspanplatten, Eternit, überputztem Draht und Holzverschalung verschwand. … In den nordböhmischen Städten fand die neue Bevölkerung meist keine gute Beziehung zur althergebrachten Schönheit der Sandsteinportale aus der Zeit um 1800. Die Portale wurden entfernt und durch neue, einfache Türen aus lackierten Brettern ersetzt. Bisher gelang es uns nicht zu erfahren, woher der allgemeine Unwille gegen die sorgsame, meisterhafte Bearbeitung von Naturmaterialien kam! Heimwerker mit Sinn für Humor bereicherten die Portale mit blitzendem Lack und schreiendem Latex. … Die allgemeine Abkehr von Naturmaterialien feierte … Triumphe! Ein Betätigungsfeld fanden ebenso Menschen mit einer „künstlerischen“ Ader. In der fremden Umgebung zauberten sie ein Stück der vertrauten Heimat an die Wand. Nach Postkarten malten sie die Burgen Karlstein, Trosky, Křivoklát, Humprecht und den Hradschin. Zu den Mutigsten gehörten die Figuralisten, die an die Wand ihrer Veranda eine schöne geschürzte Elfe ... oder einen kräftigen Rübezahl malten.“

Heute sind bedeutende Biotope, die woanders nicht mehr zu finden sind, die Träger des Genius loci der Grenzregionen. Aus Feldern wurden Bergwiesen, die nach und nach mit ausgesamten Gehölzen und vereinzelten Fichten zuwachsen. Siedlungen und Wege sind hier verschwunden. Heute sind auf den Hängen die steinernen Fundamente der Häuser mit ihren Feuerstellen und Schornsteinen nicht mehr zu sehen. Es blieben nur Steinhaufen, Mauern und Feldwege, die nun Heimat für Eidechsen, Moose und Blaubeeren sind. Diese Flächen sind heute der charakteristischste und schönste Teil des derzeitigen Genius loci der Grenzregionen. Die Natur, die an diese Orte zurückkehrt, erscheint in einer ästhetischen Qualität, die dem heutigen Leben der hiesigen Einwohner und Urlauber entspricht.

Wollen wir diese Gebiete wie im Nationalpark Böhmerwald schützen und gleichzeitig auf das ursprünglichen Gesicht dieser Landschaft in der Zeit ihrer Besiedlung hinweisen, wäre die Schaffung eines Lehrpfades der ideale Weg. Hier könnte man etwas zur Sukzession, der Rückkehr von Pflanzen und Tieren, erfahren. Es wäre im Rahmen eines solchen Projektes auch möglich, wenigstens ein Grundstück in der ursprünglichen Art und Weise seiner Bewirtschaftung zu rekonstruieren. Mit dieser Gegenüberstellung wäre der Vergleich vollkommen.

Da der Genius loci eine historisch wirkende Kraft ist, kann man vom Geist des Ortes des heutigen Sudetenlandes erst in einer nicht näher bestimmbaren Zukunft sprechen. Das Interesse an der Tradition und dem ursprünglichen Charakter des Ortes ist also grundlegender Ausdruck des Genius loci des heutigen Sudetenlandes. Deshalb kann man die derzeitigen Bemühungen um die Erneuerung der funktionellen, ästhetischen und geistigen Orte des Grenzgebietes als Weg zur Rückkehr eines ausgewogenen Genius loci betrachten. Anders gesagt – nach der Folge vieler Veränderungen im Grenzgebiet nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Jahre 1989 ist ein nicht begrenzter Zeitraum einer relativen Beruhigung notwendig. Zu einer Akzeptanz von Innovation und Erneuerung von Traditionen muss es hier langsam kommen. Gleichermaßen wichtig ist, dass die ursprünglichen Häuser so rekonstruiert werden können, dass ihre Bewohner in ihnen gut leben können. Erst dann können wir über die weitere Pflege und charakteristische Bebauung der einzelnen Regionen sprechen. Die Menschen müssen sich entscheiden, ob sie an ideologischen Dogmen und einer national-kulturellen Reinheit festhalten wollen, oder ob ihnen Schönheit, Harmonie und Tradition nicht wichtiger sind, ob sie nun von wem auch immer stammen. Eine solche Einstellung kann man nicht von heute auf morgen erwarten oder aufzwingen. Sie muss langsam reifen.

Eine langsame Entwicklung wird in der heutigen Gesellschaft als Mangelware im Erhaltungsprozess der Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt gesehen. Sozialökologen halten die „fließende Akzeptanz“ für einen Schlüsselfaktor im kultivierten und sozialen, ökologischen und ökonomischen Verhalten.

Den Wandel des Grenzgebietes von einem dicht besiedelten Gebiet (das manchmal auch als überbevölkert bezeichnet wurde) zu einer halbleeren freien Landschaft, in der Sukzession stattfindet, nehmen wir als Eingriff in die Landschaft wahr, der vom Menschen verlasst wurde. Das beschriebene Modell ist deshalb ein mögliches Beispiel dafür, wie man sich mit ähnlichen landschaftlichen Prozessen in der Zukunft auseinandersetzen kann.

Wir haben im Grenzgebiet viele solcher „Postkulturlandschaften“ geerbt. Welchen Weg wir bei ihrer Entwicklung einschlagen, liegt auch an uns und unserem Einsatz im Gespräch mit Fachleuten und Beamten.

Unsere Arbeit

  • Unser neues Buch

    Weggehen und Wiederkehr

    Weggehen und Wiederkehr

    Das Leben der Deutschen in Sudetenland, die Vertreibung nach 1945, Herrkkunft nach Bayern und ein langer Prozess der Integration. Welche Erinnerungen haben die vetriebene Deutschen aus dieser Zeit und wie verändern sie sich im Rahmen der Generationen? Wie im Gegenteil schauen die Tschechen aus Sudetenland die deutsche Vergangenheit an? Das Buch ist eine Übersetzung aus dem deutschen Original Erinnerungskultur und Lebensläufe. Více informací

  • Buch

    Bei uns verblieben

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    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

  • Buch

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Sudeten früher und heute anhand von Fotografien. Unser Bestseller gibt eine bildliche Antwort auf die Fragen, die sich jeder stellt, der in die Landschaft des Grenzgebietes kommt und Lust hat, darüber nachzudenken, was uns eigentlich diese Landschaft hinterlassen hat. Více informací

  • Ausstellung

    Tragische Erinnerungsorte

    Tragische Erinnerungsorte

    Seit dem Jahr 2010 ist diese Wanderausstellung unterwegs, bei der Sie von Schülern nordböhmischer Gymnasien an tragische Stellen in ihrer Region in der Zeit von 1938 bis 1945 geführt werden. Mit einer Reihe von Geschichten aus Aussig, Komotau, Postelberg, Kaaden, Saaz und anderen Orten können Sie Einblick nehmen in das Zusammenleben der beiden Völker in der Mitte Europas. Wenn auch Sie die Wanderausstellung bestellen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter: info@antikomplex.cz Více informací

  • Ausstellung

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

  • Buch

    Sudetengeschichten

    Sudetengeschichten

    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací