Die Fotografien sind das schmerzliche Gedächtnis des Ortes

Einleitungstext zum Buch Das Verschwundene Sudetenland vom Journalisten Tomáš Feřtek

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Augenblick, als ich mit einem Mal die Tragödie des Sudetenlandes begriff. Es ist ungefähr fünf Jahre her, ich stand am Fenster einer einklassigen Grundschule in der Gegend zwischen Tachau und Taus. Hinter mir stand der junge Lehrer, der die private Schule mit großem Idealismus gegründet hat, der sich bemühte, den Kindern die Augen für das Bessere zu öffnen. Und ich – ich schaute hinaus. Hinaus auf die verlassene Kirche mit den gerissenen Wänden, auf den unfreundlichen Dorfplatz, wo sich wie greise Zähne die verwahrlosten und halb verfallenen Häuser aneinander drückten. Verlassenheit und menschliche Hoffnungslosigkeit wehten aus dieser Winterlandschaft so intensiv, dass es mich fror. Natürlich sah ich diese Szenerie nicht zum ersten Mal. Mindestens schon zwanzig Jahre bereiste ich als Wasserschöpfer und später als Journalist die Grenzgebiete Tschechiens. Die zugesperrten Kirchen und verlassenen Bauten nahm ich fast schon als Selbstverständlichkeit hin. Sie wiederholten sich zu oft, als dass ich wirklich darüber nachdachte, was sie eigentlich bedeuteten. Und dann, in einem Augenblick, beim Anblick des Dorfplatzes in Melmitz – in dem es aussah, als hätte der Krieg erst gestern geendet – begriff ich, wie sinnlos die jahrelangen Streitereien eigentlich sind: Ob man zur Abschiebung Vertreibung sagen sollte, oder ob man das Wort “sudety” mit einem großen S schreiben sollte, ob der Weggang der böhmischen Deutschen eine gerechte Strafe oder eine vorsorgende Absicherung oder rechtswidrig war. Aus der Sicht der Geschichtswissenschaften ist dies natürlich nicht einerlei, aber aus der Perspektive des Alltags ist die Antwort klar. Wenn ich mir die Frage stelle, wer bei der Abschiebung am meisten draufzahlte, wer am meisten bestraft wurde und wofür, habe ich mehr und mehr das Gefühl, die Deutschen waren es nicht. Ja, sie verloren ihr Eigentum. Aber das tschechische Grenzgebiet ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass Reichtum nicht aus Eigentum herrührt, sondern aus menschlicher Tätigkeit. Als nach dem Krieg drei Millionen Deutsche aus dem Sudetenland weggingen, blieb ihr Eigentum dort. Sind wir nun, die wir deren leere Häuser in Besitz nahmen, um so viel reicher? Ein einziger Blick auf den Melmitzer Dorfplatz überzeugt Sie, dass man durch Konfiszierung nicht reich werden kann.

Mit dieser Landgrundschule ging es schlecht aus. Im böhmischen (oft auch im mährischen) ländlichen Raum etwas zu schaffen, sich um die Erneuerung des Landlebens und seines Reichtums und seiner Vielfalt zu bemühen, ist sehr schwierig. Es mangelt gundsätzlich an Menschen. Und unter denen, die hier schon leben, herrschen menschlich harte Verhältnisse. Hass, Angst vor jedweder Veränderung, ein tiefsitzendes Misstrauen. Früher habe ich dies für ein irgendwie normales Bild des ländlichen Raumes gehalten, für eine Form des bäuerlichen Konservatismus – aber dem ist nicht so. Es genügt, wohin auch immer über die Grenze zu blicken, damit Sie begreifen, dass wirklicher Konservatismus – Verbundenheit mit den Traditionen – anders aussieht. Dies ist kein Festhalten an alten Strukturen, es ist einfach der Zerfall der Strukturen. Ein Land ohne igentümer saugt wie eine Pumpe die nicht verwurzelten Menschen auf, Menschen, die es eher gewöhnt sind zu überleben als aufzubauen. Und solche kamen in den Jahrzehnten nach dem Krieg in die leergefegte Landschaft, in der nichts war, auf das sie sich stützen konnten, was ihnen, den oft Verirrten, helfen konnte sich zu orientieren. Es blieben hier nur geistige Leere und leere Häuser. Und so passten sie sich der Le ere an.

Es ist überhaupt schwer ganz zu begreifen, wie groß der Einschnitt in unser Leben ist, der durch die Vertreibung der Deutschen verursacht wurde. Auf den ersten Blick erscheint es einleuchtend und verständlich. Böhmen, im Unterschied zu Mähren, wo es noch komplizierter ist, ist absolut zentralisiert. Prag erscheint als die leuchtende Sonne, klar und voller Leben. Mit jedem Kilometer, den man sich von dort entfernt, nimmt das Licht ab, so wie die Menschen und der Reichtum, bis wir an der Grenze stehen, auf den steinernen Plätzen der einstigen Dörfer. Kein Leben, keine Menschen, kein Reichtum. Dieses Schema ist uns so vertraut, dass wir es schon für selbstverständlich halten. Wer würde hören wollen, dass es vor siebzig, vor hundert Jahren nicht so war, dass die städtische Kultur mit Kleinhandel, Kaffeehäusern und den Aussichtstürmen auf den Bergen von hier kam, dass dies der kultivierteste Teil des Landes war.

Aber nicht nur die Grenzgebiete, nicht nur die traditionell von Deutschen bewohnten Gebiete sind von den Folgen der Abschiebung betroffen. Die Umsiedlungen nach dem Kriege, die denen im Grenzgebiet sehr ähnlich waren, nahmen auch vielen Gegenden im Landesinneren ihre Vitalität. Diejenigen, die die leeren Häuser in Besitz nahmen, gingen auch aus ihrem ursprünglichen Zuhause fort. Im ländlichen Raum von ganz Europa kam es in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer Depression, als die Menschen der jungen Generation massenweise in die Stadt auswanderten. Diese Tendenz wurde in der Tschechischen Republik noch durch die brutale sozialistische Industrialisierung und die Abschiebung verstärkt. Wenn man sich heute in Europa um die Wiederbelebung des ländlichen Raumes bemüht, rütteln wir bei diesem Versuch nur an einem Toten. Nur eine von weiteren nicht bedachten Folgen der Art und Weise, mit der wir vor Jahrzehnten unser “nationales” Problem lösten.

Ich hatte das Gefühl, dies alles zu wissen, dass ich im Unterschied zu vielen anderen ganz gut weiß, welchen grundlegenden Bruch die Vertreibung nach dem Krieg bedeutete, wie hart wir uns selbst damit bestraften. Aber als ich die Fotos dieser Ausstellung zum ersten Mal sah, begriff ich, welch großer Irrtum dies war. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem, etwas zu WISSEN und etwas zu SEHEN. Ich ging von Fotografie zu Fotografie, oft kannte ich die Orte, und war wieder und wieder überrascht von ihrem ursprünglichen Aussehen. Hier, bei diesem Torso eines Denkmals stand ich vor Jahren mit einer Freundin, ein romantischer Moment. Aber dort stand ich mitten auf einem Dorfplatz, mit Häusern, Linden und spielenden Kindern. Die verlassene Erzgebirgshochebene, hier und dort mit zerfallenen Häusern – nein, das war ein Bergstädtchen, nur dass jemand die übrigen Häuser mit Dynamit ausradierte.

Oft in der letzten Zeit habe ich gehört, dass wir nach vorn schauen sollen, dass es keinen Sinn hat, immer wieder mit der alten Schuld zu quälen. Nicht mit der fremden, auch nicht mit der eigenen. Und ist diese Sammlung von Fotografien etwas anderes als die quälende Erinnerung an einen geschichtlichen Irrtum? Petr Mikšíček, einer der Organisatoren der Ausstellung meint, wenn der Mensch einmal die ursprüngliche Gestalt eines Ortes gesehen hat, wird er nicht mehr fähig sein, sein heutiges Aussehen, oft degeneriert, als Selbstverständlichkeit anzusehen. Brauchen wir das? Wahrscheinlich erwarten Sie jetzt, dass ich sage, wir brauchen dies. Was anderes könnte ich denn an dieser Stelle schreiben? Aber ich habe auch einen schwerwiegenden Grund. Dieses provozierende, tatsächlich gegenwärtige und schmerzende Gedächtnis der Orte ist eine der wirksamen Formen, wie wir uns gegen die Leere schützen können. Und es wurde schon erwähnt, dass das Unglück des Sudetenlandes nicht die fehlenden Häuser sind, sondern die fehlenden Menschen.

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