Die Gesellschaft im Sudetenland nach 1945

Der Einleitungsessay von Matěj Spurný zum Buch Sudetengeschichten

Staatsminister Václav Kopecký, führender Ideologe und Rhetoriker der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPTsch), vereinigte in seiner Ansprache im April 1946 in Ústí nad Labem [Aussig] auf gelungene Art und Weise die beiden zentralen Aspekte, welche die Vision von einem neuen Grenzland charakterisierten: Die nationale und die soziale Komponente. Der Aufbau einer neuen Gesellschaft in Gebieten, aus denen zuvor mehr als drei Millionen Menschen ausgesiedelt worden waren, wurde durch führende Politiker und auch durch die Öff entlichkeit zugleich als eine Art Wiedergutmachung alten Unrechts und auch als Weg in die Zukunft betrachtet.

Auf die Wiedergutmachung alten Unrechts nimmt Kopecký in seiner Ansprache durch die Symbolik der „nationalen Weihung der Besitztümer“ Bezug. Die Wiederbesiedlung des Grenzlandes durch das tschechische Volk und insbesondere die Konfi szierung und Umverteilung deutscher  Besitztümer wurden von der Mehrheit der Politiker und Bürger als eine Wiedergutmachung und Rückkehr zu einer Art natürlichem Zustand wahrgenommen, nämlich jenem, der bestanden hatte, bevor die Deutschen das Land und die tschechischen Besitztümer an sich genommen hatten. Die vermeintliche Rückkehr in die Vergangenheit und das Wiedergutmachungsmotiv haben zwar bis zu einem bestimmten Maß die Massenvertreibungen und das Unrecht legitimiert, bescherten allerdings dem Grenzland nicht gerade ein positives Ansehen. Doch ein solches Ansehen boten gerade die Kommunisten und waren in der Lage, viele Menschen zumindest vorübergehend dafür zu begeistern. Das Grenzland sollte nach der Vorstellung der Kommunisten nicht als primitives Abbild der traditionellen tschechischen Gesellschaft gestaltet werden, wie man sie aus dem Binnenland kannte. Im Gegenteil – das Grenzland sollte, wie auch aus der zitierten Ansprache Kopeckýs hervorgeht, zum Vorbild für die Zukunft des ganzen Staates werden: zu einer Art Labor der gesellschaftlichen Erneuerung. Das Grenzland rief nach den besten Söhnen und Töchtern der Nation, es bot eine einzigartige Gelegenheit zur Schaff ung einer Gesellschaft, die von jeglichen traditionellen Hierarchien und alten Identitäten befreit war, welche nun, in der neuen Zeit, als dem Fortschritt hinderlich galten.

Wilder Westen?

Herr Rainer Saidl entstammt einer Mischehe, er bekannte sich stets zur tschechischen Nationalität. Dies auch in der Protektoratszeit... Nach dem Krieg wurde ihm sein gesamter Besitz abgenommen und er wurde als Deutscher bezeichnet, wenngleich ihm der Vorsitzende des Städtischen Nationalausschusses eine Bescheinigung über die nationale Integrität ausgestellt hatte. Der Nationale Landesausschuss Prag erließ die Anordnung, der Städtische Nationalausschuss solle Herrn R. Saidl sein Vermögen zurück geben. Dies allerdings geschah nicht, im Gegenteil: Die Mitglieder des Städtischen Nationalausschusses marschierten zusammen mit etwa 60 Bürgern der Gemeinde Kocbeře [Rettendorf] geschlossen beim Nationalen Bezirksausschuss Dvůr Králové nad Labem

[Königinhof] ein. Die Abordnung betrat die Diensträume mit großem Lärm und Geschrei: Das ist wilder Westen hier, wir werden es hier säubern, wir werfen alles heraus sowie andere Drohungen, die allesamt unter das Gesetz über Nötigung fallen. Die Abordnung wollte auf diese Art und Weise erreichen, dass Herrn R. Saidl die Staatsangehörigkeit aberkannt wird.1

Das hier zitierte Beispiel vom Rande des Riesengebirges ist kein besonderes, weder in politischer noch in wirtschaftlicher Hinsicht. Es gibt jedoch auf bemerkenswerte Weise Auskunft über die Stimmung im Grenzland der Nachkriegszeit; und zwar nicht in den unmittelbaren chaotischen Nachkriegswochen, sondern mehr als ein Jahr nach der Befreiung. „Wilder Westen“ dient hier nicht allein als Metapher, die durch Publizisten 50 Jahre später zur Beschreibung des Sudetenlandes verwendet wird, sondern es handelt sich um einen zeitgenössischen Begriff , eine vergegenwärtigte  Wirklichkeit. Für die Nachkriegszeit ist eine lediglich relative Gültigkeit von Gesetzen und Anordnungen allgemein charakteristisch; vielerorts wird das Recht ersetzt durch Gepfl ogenheiten und das Bewusstsein, dass man sich als Nachbarn lange kennt und dass man vermutlich noch für lange Jahre nebeneinander leben muss. Doch dieser Faktor bestand im tschechischen Grenzland nicht, weshalb das rechtliche Vakuum trotz Hunderter Dekrete, Verordnungen und Bekanntmachungen nur allmählich mit tatsächlich geltenden Regeln gefüllt werden konnte.

Was tatsächlich im Grenzland in den ersten Nachkriegswochen geschah, lässt sich nicht mehr eingehend dokumentieren. Insbesondere aus Zeitzeugenberichten wissen wir, dass junge Männer mit nur einer Aktentasche herkamen und mit vollen Lastwagen wieder wegfuhren. Und dass die Menschen, die hier leben wollten, meistens bereits leere Häuser vorfanden. Eine ganze Reihe interner Berichte aus den Jahren 1945 und 1946 bestätigt deutlich diese individuellen Erinnerungen.

Das Gebiet des einstigen Sudetenlandes stellte ab Mai 1945 eine nahezu ideale Brutstätte für kriminelle Machenschaften aller Art dar. Gewalttaten an Deutschen trugen zum Fortbestehen der Kriegsatmosphäre bei, in der ein Tötungsdelikt oder das Berauben eines Feindes nicht als etwas Bedauernswertes oder zu Verurteilendes betrachtet wurde. Eine Herstellung und Konsolidierung einer zumindest minimalen Rechtssicherheit wurde außerdem behindert durch die Existenz zahlreicher parallel bestehender Sicherheits-und Verwaltungsstrukturen, von den Revolutionsgarden und unterschiedlich halbmilitärisch Einheiten über die Einheiten der sowjetischen und amerikanischen Armee bis hin zu den allmählich entstehenden Nationalausschüssen, den Polizeikorps und den Siedlungskommissionen. Ein stetes Gefühl der Unsicherheit und eines oft völlig erbarmungslosen Kampfes, in dem jeder möglichst viel an sich reißen musste, dauerte über Monate, vielerorts sogar Jahre hinweg an. Die Mehrheit der Menschen beklagte sich über diesen Zustand. Vielen Menschen kam diese Situation jedoch äußerst gelegen.

Die Sicherheitskräfte begannen zügig mit diversen Gegenmaßnahmen und so spielte die ehemalige Grenze zwischen dem Sudetengau und dem Protektorat bald kaum noch eine Rolle. Kontrollen in Zügen und Razzien in Cafés in den größeren Städten im tschechischen Grenzland stellten in dieser Zeit keine Ausnahme dar. Aber auch so war es unmöglich, die enormen, unkontrollierten Besitzschiebungen zu verhindern. Noch 1947 war es vielerorts schwierig, Objekte vor Diebstahl zu schützen, der manchmal einem völligen Gebäudeabriss gleichkam.

Die Diebstähle in den deutschen Häusern und die Veräußerung öff entlichenVermögens wurden oft – insbesondere durch die zeitgenössische Publizistik – Slowaken, Zigeunern, Remigranten, Ungarn und weiteren „fremden Elementen“ zugeschrieben. Es war den Sicherheitskräften und zuständigen Beamten jedoch stets bewusst, dass der Großteil der Goldgräber und sonstigen kriminellen Elemente schlicht aus Tschechen aus dem Binnenland bestand.

Neben Gewaltdelikten und Diebstählen breitete sich auch einfachere Kriminalität aus, insbesondere Schwarzhandel. In der Nachkriegszeit war es schwierig zu unterscheiden, ob es sich um Schwarzhandel oder um die Beschaff ung existenziell dringend benötigter Güter handelte. Fakt ist, dass die Rahmenbedingungen eine Goldgrube für alle Schwarzhändler darstellten: Die ausgesiedelten Menschen mussten ihren Besitz zurücklassen oder waren gezwungen, ihn schnell zu Geld zu machen. So wurden auch diejenigen Menschen zu Schwarzhändlern, denen unter anderen Umständen dubiose Verkäufe oder Winkeltausche aller Art völlig ferngelegen hätten. Auch diesmal wurden besonders die Fremden beschuldigt, darunter auch Juden (von welchen es aber im Grenzland nicht mehr viele gab) oder Deutsche, die angeblich versucht hätten, Teile ihres Besitzes günstig zu verkaufen, während der Besitz zu diesem Zeitpunkt bereits dem tschechoslowakischen Volk gehörte; beschuldigt wurden im Allgemeinen Ausländer.

Den erwähnten Problemen und diversen Konfl iktherden zum Trotz war das tschechische Grenzland in den ersten Nachkriegsjahren nicht nur ein Ort der Trostlosigkeit und  Zerrüttung. Ein Großteil der neuen Siedler erwarb sich ein kleineres oder auch größeres Vermögen und konnte damit im Grunde befriedigt werden; genauso wie diejenigen, welche durch ihr neues Leben im Grenzland von alten Problemen befreit wurden. Viele Menschen wurden selbstständig, viele ritten auf der Welle der Euphorie, da sie nun am Wiederaufbau eines nationalen Staates ohne Deutsche teilhaben konnten. Doch erst die folgenden Jahre zeigten, dass sich diese Leute dort nicht heimisch fühlen konnten und dass die Grenze zwischen dem Sudetenland und dem tschechischen Binnenland bestehen bleiben sollte.

Die Wiederbesiedlung nicht dem Zufall überlassen

Konkrete Pläne für die Wiederbesiedlung des Grenzlandes wurden erst nach dem Kriegsende auf tschechoslowakischem Territorium formuliert, speziell durch die vorläufi ge Nationalversammlung und in den Ministerien für Innere Angelegenheiten, Verteidigung, Industrie und Landwirtschaft. Diese Planungen waren durch ständige Spannungen charakterisiert: Auf der einen Seite standen der Wunsch nach einer zentralen Steuerung und gleichzeitig die unterschiedlichen Herangehensweisen aller vier beteiligten Ministerien, auf der anderen Seite spontane (und oft unkontrollierbare) Aktivitäten der Bürger. Auf der untersten Ebene wurde die Besiedlung durch die nationalen Lokal- und Bezirksausschüsse koordiniert, die im Grenzland (oftmals unter erschwerten Bedingungen) genauso wie im gesamten Staat entstanden. Im Grenzgebiet, also in Regionen mit „staatlich unzuverlässiger Bevölkerung“ (d. h. Deutschen), entstanden zusätzlich noch Verwaltungskommissionen auf Bezirksebene, deren Mitglieder durch das Innenministerium ernannt wurden, oder aber Bezirkssiedlungskommissionen, errichtet durch das Siedlungsamt.

Das Siedlungsamt wurde durch das Präsidialdekret Nr. 27/1945 über die einheitliche Steuerung der Binnenbesiedlung vom 17. Juli 1945 gegründet. Dieses Dokument stellte den ersten legislativen Schritt zur Steuerung des Besiedlungsprozesses dar. Genauere Anweisungen zum Besiedlungsverlauf enthielten allerdings die Bestimmungen des Präsidialdekretes Nr. 28/1945 vom 20. Juli 1945 über die Besiedlung landwirtschaftlicher Flächen von Deutschen, Ungarn und sonstigen Feinden durch tschechische, slowakische

und andere slawische Landwirte. Das Dekret defi niert die Grundstücksflächen sowie Typen und Hierarchie der Antragsteller.

Ein tatsächlicher Plan für die Wiederbesiedlung des Grenzlandes wurde erst nach der Gründung des Siedlungsamtes erarbeitet. Für das Verständnis seiner Ziele und inneren Logik sind zwei Dokumente vom Juli 1945 von essentieller Bedeutung: die Programmerklärung des Siedlungsamtes Prag2 und der Besiedlungsplan für das Grenzland nach Aussiedlung der Deutschen unter Berücksichtigung der gesamtstaatlichen Wirtschaft und der Staatsverteidigung.3 Für die Programmerklärung ist eine ausschließlich produktivistische Denkweise charakteristisch; so ist es beispielsweise nicht die vorrangige Aufgabe der Grenzlandbesiedlung, etwa die tschechische Kultur zu verbreiten oder die Möglichkeit zu schaff en, eine neue Zukunft in einem schönen Umfeld zu gestalten, sondern „Bedingungen zur höchsten Förderung der Arbeitsproduktivität und einen künftigen Wohlstand der ganzen Republik“ zu schaff en. Daher müsse alles nach Plan laufen, effi zient und „ohne unnütze Aufspaltung der Kräfte, mit möglichst geringen volkswirtschaftlichen Verlusten“. Der Vorsitzende des Siedlungsamtes Kreysa macht in dieser Erklärung ganz deutlich, dass die Besiedlung nicht etwa das Funktionieren auf gleichem Niveau wie bisher sichern soll, sondern dass es sich um eine Gelegenheit handelt, die Vision von einem eff ektiven und gerechten Gesellschaftsorganismus zu erfüllen. Das Siedlungsamt wäre seiner Erklärung zu Folge bestrebt, die aktuelle historische Gelegenheit zu nutzen auf dem Weg zu einer gerechten Gesellschaftsordnung und zur Schaff ung von Voraussetzungen für eine Steigerung der Arbeitsleistung jedes Einzelnen, für Wohlstand und für den Aufschwung in unserer Republik. Dem Aufbau-Ethos des neuen Grenzlandes zum Trotz rechnete Kreysa damit, dass man den Kolonisten einen besseren Lebensstandard als im Binnenland bieten müsse. Das Siedlungsamt hatte vor, die Bevölkerung ins Grenzland zu locken, plante jedoch keine Zwangsumsiedlungen von Personen, wobei man diese weder in öff entlichen noch in internen Debatten in den zuständigen Institutionen jemals ganz ausgeschlossen hatte. Bereits in der Programmerklärung wird als ein wichtiger Teil des Planes die Remigration von Tschechen und Slowaken aus dem Ausland betrachtet und zwar als eine – ganz allgemein – positive Angelegenheit, die lediglich technische oder diplomatische Komplikationen aufwirft.

Der Besiedlungsplan selbst ist durchdrungen von legitimierender Rhetorik; so auch die Garantie, dass wir ein für alle Mal mit allen Widersachern abrechnen, auch um den Preis der Folgen, die sich daraus für uns ergeben werden. Allein aus diesem Grund sind wir uns dessen bewusst, dass unser Werk das Beste und Gewissenhafteste werden muss. Entscheidend ist hier das Bewusstsein der historischen Gelegenheit zur Schaff ung von etwas Neuem, Besserem, Gerechterem und besser Funktionierendem. Der Plan, der mitten im Sommer 1945 entstand, berücksichtigte schon die mittlerweile eingetretene Situation, die völlig jenseits von rationaler, zentral gesteuerter Besiedlung lag: Die derzeit völlig planlose Übersiedlung von Einzelpersonen (Tschechen) ins Grenzland auf eigene Faust muss genauso aufhören wie die Erwartung, dass die Deutschen mechanisch durch Tschechen ersetzt werden, denn so würde das Alte nur fortgesetzt werden – unter ebenso ungünstigen Bedingungen, mit denselben Fehlern und Irrtümern. Die grundlegende strategische Prämisse des Planes bestand in der Annahme, dass es für eine Verteidigung des Staates von Vorteil sei, wenn die Bevölkerungsdichte vom Zentrum in Richtung Staatsgrenzen hin abnehme und nicht anders herum; im nordwestlichen Grenzgebiet sei bisher das Gegenteil der Fall gewesen. Also rechnete der Plan damit, dass etliche Regionen an der westlichen und südwestlichen Grenze von Menschen verlassen und nicht wiederbesiedelt werden:

Wir wollen uns bestimmt nicht mit einer Maginot-Linie umgeben, aber wir haben nun bei der Organisierung unseres westlichen und nordwestlichen Grenzgebietes der böhmischen Länder die Möglichkeit zur Schaff ung eines natürlichen Walls, der uns vor den Strömen aus dem Westen zu schützen hilft, wie es einst unser historischer Grenzlandforst Jahrhunderte lang getan hat.

So oder so wurde mit einer geringeren Besiedlung gerechnet, weil zu den etwa 500.000 verbliebenen Tschechen höchstens 1.200.000 Tschechen aus dem Binnenland hinzukommen sollten.

Dem Plan zufolge sollte das Grenzland in mehrere Regionen mit unterschiedlicher Bevölkerungsdichte und Sozialstruktur unterteilt werden.Im nordwestlichen Böhmen sollte Industrie verbleiben, Landwirtschaft dagegen nur in fruchtbaren Regionen. Die Bevölkerungsdichte in den Regionen zwischen Riesengebirge und Altvatergebirge sowie Südmähren sollte nach der Wiederbesiedlung etwa gleich ausfallen wie bisher, wobei die Betonung auf den Erholungsmöglichkeiten für die Bevölkerung lag. Der Böhmerwald und ein Großteil des südböhmischen Grenzlandes sollten dagegen am schwächsten wiederbesiedelt werden, da es sich um eine strategische Grenze ersten Ranges handelte. Die spätere Entwicklung im Grenzland, die unter anderem den Untergang und die Liquidierung von Hunderten von Gemeinden und Städten herbeiführte, war somit offensichtlich nicht lediglich spontan.

Die Pläne zur Grenzlandkolonisierung waren recht rational formuliert und zielten insbesondere auf den Ausgleich des demografi schen Verfalls und den Ersatz für bestehende Arbeitskräfte ab. Zunächst wurde als notwendig erachtet, öff entliche Ämter und Verkehrsbetriebe zu besetzen, später Industriebetriebe und große landwirtschaftliche Betriebe (bei einem temporären Belassen der deutschen Arbeiterschaft); danach stand eine Bodenreform auf der Agenda, um einem Lebensmittelmangel im Land vorzubeugen und zugleich landwirtschaftliche Siedler ins Grenzland zu locken, abschließend rechnete der Plan mit der Ansiedlung von Gewerbe und Freien Berufen.

Berichte aus der Praxis zeugen allerdings von einem anderen Prozess als dem beabsichtigten. In der Regel schwanken sie zwischen einer pathetischen Schilderung konkreter Erfolge, die das gute Gelingen des großen Werkes bestätigen sollen, und einer harschen Anklage aller Organe der Staats- und Lokalverwaltung, vom Ministerium bis hin zu den Nationalverwaltern, nämlich in den häufi gen Fällen, in denen alte Strukturen untergingen, ohne durch zumindest ansatzweise erfolgreiche ersetzt worden zu sein: „Ich habe Fragebögen gesichtet aus Gemeinden, wo von 38 Gehöften nur zwei durch einen Nationalverwalter besetzt waren, und in einem anderen Fall wurde von 96 Gehöften kein einziges besetzt“, schrieb beispielsweise Josef Koťátko, Referent des Landwirtschaftsministeriums und Verfasser vieler rühmender Artikel über die erfolgreiche Erneuerung des Grenzlandes, in einem internen Bericht an Rudolf Slánský im August 1945. 

In den verschiedenen Gebieten herrschten jeweils unterschiedliche Verhältnisse; die an das Binnenland angrenzenden Bezirke sowie fruchtbare und stark urbanisierte Regionen konnten relativ zügig wiederbesiedelt werden. Wenn es einen gemeinsamen Nenner für das gesamte Grenzland gäbe, so wäre es sicher die beispiellose Entwicklungsdynamik, die in den Augen der Verwaltungs- und Publizistikorgane entweder in eine Richtung geht – zum Gefühl der Schöpfung neuen Lebens, oder in die andere Richtung – einer Hysterie und Angst vor einem völligen Untergang. Von Anfang an herrschte eine begründete Angst vor der Flucht der Menschen ins Binnenland. Manch tschechischer Alteingesessener, der dem Wiederbesiedlungsprozess kritischer gegenüberstand, betonte, dass eben nicht die Schwarzhändler und Goldgräber zurück ins Binnenland fl üchten würden, wie es die offi zielle Propaganda berichtete, sondern vielmehr die ehrlichen Menschen, die durch halbkriminelle, chaotische Zustände, Überteuerung und Unfähigkeit der neu errichteten und mit unqualifi zierten Personen besetzten Behörden vertrieben würden.

Nach und nach kam es zu einer Diff erenzierung der Probleme nach Regionen.  Während die Industriestädte im Norden vor allem über Kriminalität und Wohnraummangel klagten, waren grundlegende demografische Probleme, also Mangel an Bewohnern, charakteristisch für die Gebirgsregionen insbesondere im Süden und Südwesten des Landes. Bereits im Jahr 1947 weisen Berichte aus dem Grenzgebiet darauf hin, dass das Gebiet der politischen Bezirke Horšovský Týn [Bischofteinitz], Domažlice [Taus], Klatovy [Klatau], Sušice [Schüttenhofen], Prachatice [Prachatitz], Český Krumlov [Böhmisch Krumau] und Kaplice [Kaplitz] nicht wiederbesiedelt werden könnte, dass es hier wüste Siedlungen gebe und dass in diesen Regionen 75 Prozent aller Wohnhäuser leer ständen.8 Obgleich eine der Losungen des sogenannten Abschubs der deutschen Bevölkerung aus dem Sudetenland lautete „selbst wenn im Grenzland nur noch Brennnesseln wachsen sollten“, so boten die zerfallenden ehemals deutschen Häuser und Kirchen schon im Jahr 1947 Anlass zur Kritik.

War der Bevölkerungsmangel nur für einige Regionen des ehemaligen Sudetenlandes charakteristisch, so fehlten qualifi zierte Arbeitskräfte praktisch überall, besonders Lehrer, Ärzte und Hebammen. Beamte der Nationalausschüsse und Siedlungskommissionen wurden kritisiert: Neben diversen Anschuldigungen wegen der Verfolgung eigener Interessen und unmäßiger Loyalität der einen oder anderen politischen Partei gegenüber ernteten sie Kritik auch und besonders aufgrund unzureichender Qualifi kation.

Eine heterogene Gesellschaft: Deutsche, tschechische Alteingesessene und Siedler sowie neue Minderheiten

Der Massenausweisung der Deutschen aus dem Grenzgebiet zum Trotz sollte ein kleiner Teil der deutschen Minderheit nach wie vor bleiben. Es handelte sich insbesondere um unentbehrliche Fachleute (die im Gegensatz zu ihren Freunden und Verwandten bleiben mussten), Personen aus Mischehen und wenige tausend Personen, die von den tschechoslowakischen Behörden offi ziell als Antifaschisten anerkannt worden waren. Insgesamt handelte es sich um knapp 200.000 Deutsche, doch selbst diese Zahl schien den meisten Tschechen unerträglich hoch. So waren die Bewohner des Grenzlandes gezwungen, mit diesem Rest der einstigen deutschen Gesellschaft einen modus vivendi zu finden.

Es gibt zahlreiche Belege, Zeitzeugenberichte und Hunderte von ausführlichen regionalen Untersuchungen, die zeigen, dass das Verhältnis der tschechischen Siedler zu den damaligen deutschen Mitbürgern voller Widersprüche war. Es war ein Gemisch aus allgemeinem Hass, Sucht nach Vergeltung des „Münchner Verrats“, Gier nach deutschem Vermögen, Bewusstsein des historischen Sieges, Argwohn, aber auch Berechnung und gleichzeitig das Wissen um die Unentbehrlichkeit manches deutschen Arbeiters. Viele Menschen, insbesondere diejenigen, die regelmäßig mit Deutschen verkehrten, erkannten deren schwierige Situation und brachten ihr Mitleid gegenüber konkreten Einzelpersonen zum Ausdruck (was aber in der Regel nicht ihre Überzeugung von der Notwendigkeit und Gerechtigkeit der Zwangsaussiedlung relativierte).

Der spontane Hass gegenüber den Deutschen wird sehr oft überschätzt. Die sogenannte „wilde Vertreibung“, die irrtümlich für einen Akt der Volksrache gehalten wird, war in Wirklichkeit eine überwiegend zentral gesteuerte (jedoch nie eingestandene) Aktion oder zumindest eine durch

Militär- und Polizeieinheiten durchgeführte Angelegenheit; also durch Organe, die dem Staat unmittelbar untergeordnet waren. Vielerorts kannten Tschechen und Deutsche einander persönlich, dies galt doppelt für die mehr als eine halbe Million Tschechen, die während der Kriegszeit im Sudetenland geblieben waren. Viele dieser tschechischen Alteingesessenen waren mit deutschen Frauen verheiratet und vice versa. Nachrichten zufolge waren einige der neu kommenden Tschechen darüber empört, dass die Kinder aus solchen Familien kein ordentliches Tschechisch sprächen. Es wurde sogar darauf hingewiesen, dass „es besser wäre, sollten diese Familien bei uns bleiben, sie ins Landesinnere zu bersiedeln, damit der Kontakt zum deutschen Element abgetrennt wird, sie sich den neuen Umständen anpassen und entgermanisiert werden.“10 Alteingesessene, vor allem diejenigen, die auch die letzten sieben Jahre im Sudetenland verbracht hatten, konnten im Gegensatz zu den neuen Siedlern die Gruppe der Deutschen diff erenziert betrachten. Aus diesem Grund halfen sie einigen von ihnen und stellten nach und nach fest, dass die Neusiedler oftmals ein größeres Risiko darstellen als die nun zurückhaltenden Deutschen. Diese gaben ihnen im Gegenzug ihr Vermögen in Gewahrsam, denn sie zogen es vor, ihren Besitz an jemanden zu übergeben, den sie kannten, statt an einen anonymen Siedler. Dies weckte natürlich Gehässigkeit, Neid und Empörung unter den Neusiedlern. Deren Hass und Verachtung gegenüber Mischehen und Alteingesessenen bestimmten das Zusammenleben der hiesigen Bevölkerung, bemerkte zum Beispiel der Polizeiberichterstatter im Bezirk Ústí nad Labem [Aussig] noch im Januar 1948.

Viele tschechische Alteingesessene hatten aktiv für die Rechte der tschechischen Minderheit gekämpft, und in ihrem antideutschen Kampf teilten sie die Werte mit den nationalistischen Parteien der Vorkriegszeit. Erst jetzt, da die Deutschen besiegt, erniedrigt und nach und nach marginalisiert und schließlich ausgesiedelt wurden, stellten sie fest, wie stark ihr Leben mit der lokalen deutschen Gesellschaft verfl ochten gewesen war, was alles sie eher mit den lokalen Mitbürgern teilten als mit den Neuankömmlingen. Außerdem beschlich viele Alteingesessene das Gefühl, dass ihr hundertjähriger Kampf ins Leere gelaufen war, weil das Grenzland nun ganz anders tschechisiert wurde als etwa mit Hilfe von Heimatschutzvereinen – und man sie dazu nicht gebraucht hatte.

Zwischen den Alteingesessenen und den Neuankömmlingen herrschten noch aus anderen Gründen Spannungen als nur wegen ihres unterschiedlichen Verhältnisses zu Deutschen und zum Deutschtum oder etwa wegen einer unterschiedlichen Beziehung zur Verbreitung und Kultivierung von nationalen Tugenden. Es standen sich hier zwei Menschengruppen gegenüber, von der die eine ihr Gefühl der Berechtigung zur Nutzung des durch Deutsche zurückgelassenen Besitzes aus einem langjährigen Kampf schöpfte und die andere aus selbstbewussten Kolonisten bestand. Die Alteingesessenen verspürten manchmal Bitterkeit darüber, dass sie als diejenigen, die hier in der Region die schwersten Zeiten miterlebt hatten, alle Risiken getragen und hart für ihre Identität hatten kämpfen müssen, sich nun in der Position von quasi verdächtigen Germanophilen oder sogar Kollaborateuren befanden, während sich die Neusiedler an einen gedeckten Tisch setzen und absahnen konnten – in Form von Besitz und wichtigen Funktionen.

Während die Kolonisten den Alteingesessenen deren Kontakte zu Deutschen vorwarfen, boten sie jedoch selbst eine ganze Reihe von Gründen zur Kritik. Teils zeigten sie Unfähigkeit, Unkenntnis der Verhältnisse und allgemeine Desorientierung – dies war insbesondere bei denjenigen Siedlern auff ällig, die Funktionen in Nationalausschüssen oder diversen Kommissionen angenommen hatten. Dann wieder war da der weifelhafte Charakter derjenigen, die vor dem Schatten der eigenen, nicht selten stark kriminellen Vergangenheit ins Grenzland gefl üchtet waren. Viele tschechische Alteingesessene nahmen aus diesen Gründen eine zurückhaltende Haltung gegenüber der ganzen Wiederbesiedlungsaktion und deren immer wieder präsentierten Erfolgen ein.

Die Heterogenität der neuen Gesellschaft endete nicht bei Deutschen, Alteingesessenen und Kolonisten. Ins Grenzland kamen (beziehungsweise wurden beordert) Menschen aus den unterschiedlichsten kulturellen Kontexten. Bereits während der Vorbereitungen des Transfers der deutschen Bevölkerung ergab sich aus nationalideologischen und vor allem aus wirtschaftlichen und demografi schen Überlegungen heraus die Notwendigkeit, im einstigen Sudetenland verschiedene Gruppen von Emigranten anzusiedeln, also Menschen, die im Laufe der Jahrhunderte die böhmischen Länder und die Slowakei verlassen hatten, sich aber bis zu einem bestimmten Maß ihre Zugehörigkeit zu ihrem ehemaligen Heimatland (das galt selbstverständlich für viele nur theoretisch) aufrecht erhalten hatten. Es ging hierbei insbesondere um Tschechen, die sich in Teilen der Ukraine und Ostpolens, im sogenannten Wolhynien, angesiedelt hatten, um Tschechen und Slowaken aus Rumänien und Nordjugoslawien, aber auch um Tschechen aus der Karpato-Ukraine, aus Schlesien, um Wiener Tschechen, Emigranten in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern.

In den Jahren 1945-1946 verlief die Remigration eigenmächtig und wurde nicht durch den Staat organisiert. In dieser Phase trafen im einstigen Sudetenland Nachfahren tschechischer Protestanten aus dem polnischem Zelów und Wiener Tschechen ein. Außerdem wurden Soldaten aus Wolhynien demobilisiert, deren Familien noch auf dem Staatsgebiet der Sowjetunion lebten. Zunächst noch kamen Emigranten aus Frankreich, Belgien oder sogar den Vereinigten Staaten, aber die Flächen des zugewiesenen Grundbesitzes (in der Regel 13 Hektar) schienen insbesondere den Landsleuten aus den USA zu gering und ihr Interesse flaute bald ab. Während dieser Phase trafen 64.000 Neusiedler aus den Reihen der einstigen Emigranten und deren Nachfahren in der Tschechoslowakei und insbesondere im tschechischen Grenzland ein. Am 14. Oktober 1946 wurde eine Remigrationsabteilung beim Ministerium für soziale Fürsorge gegründet und die Ära der organisierten Remigration begann. In den Jahren 1947-1950 kehrten insbesondere Tschechen aus Wolhynien zurück, welche landwirtschaftlich vorgebildet waren, ferner Tschechen und Slowaken aus Rumänien und Ungarn, meistens kleine Bauern und mittellose Industriearbeiter, letztere nicht allzu gebildet und bis zu einem bestimmten Maße akkulturiert im rumänischen Umfeld.

Die Tschechen aus Wolhynien stellten aus der Sicht der tschechoslowakischen Behörden die bedeutendste Remigrantengruppe überhaupt. Es handelte sich um etwa 40.000 Personen (samt Soldaten der Svoboda-Armee), deren Vorfahren sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den fruchtbaren Ebenen des Gouvernements von Wolhynien im Westen der Ukraine niedergelassen hatten. Diese Menschen, die sich auch nach über 70 Jahren in der Ukraine ihre Sprache, Bräuche und Wirtschaftsführung bewahrt hatten, konnten leicht gewonnen werden; Sie hatten – zwar kurz, jedoch in ganzer Härte – den stalinistischen Terror erlebt, und die Gelegenheit genutzt, in die Svoboda-Armee einzutreten, um nach Hause in die Tschechoslowakei zu gelangen. Auch diejenigen, die jenseits der Gouvernementsgrenze von Wolhynien lebten – auf diese Region bezog sich ein Abkommen, welches eine Übersiedlung ermöglichte – zogen nach dem Krieg schnell weg. Für ihre Verdienste in der tschechoslowakischen Auslandsarmee wurden den Tschechen aus Wolhynien günstige Bedingungen für die Ansiedlung im tschechischen Grenzland versprochen. Die Ankunft dieser Landsleute – Bauern, aber auch religiös profi lierte Gruppierungen – in die sich nun sozialisierende Tschechoslowakei war schließlich jedoch nicht ganz konfl iktfrei.

Die nächste bedeutende Remigrantengruppe – Slowaken, Tschechen und Ruthenen aus Rumänien – war nicht in der Lage, Bedingungen stellen zu können. Die slowakischen bzw. tschechischen Dörfer waren über die rumänischen Karpaten verstreut und so fehlte es ihnen an einer einheitlichen Organisation. Die tschechischen Agitatoren aus der Tschechoslowakischen Umsiedlungskommission Oradea-Mare versprachen ihnen, dass sie in der Tschechoslowakei etwas Besseres erwarte – und so brachen sie auf. Die Tatsache, dass sie sich nicht auf dem Weg in die Slowakei befanden, woher ihre Vorfahren stammten, erfuhren die rumänischen Slowaken selbstverständlich erst im Zug. Zehntausende dieser Menschen (in Rumänien lebten an die 50.000 Slowaken, wobei unklar ist, wie viele im Sudetenland angesiedelt wurden) wurden über das Altvatergebirge verteilt, über entlegene Ecken im Süden Böhmens und Mährens und über die „leeren“ Regionen Westböhmens. Sie erhielten zumeist lediglich drei Hektar Land, da man sie für die Waldarbeit vorgesehen hatte. Einige von ihnen fanden später Arbeit in den nordböhmischen Fabriken.

Die tschechoslowakische Forderung nach einem Transfer slowakischer Ungarn fand keinen Eingang in das Protokoll der Potsdamer Konferenz. Später haben die Verbündeten diese Forderung – angesichts des oft gewaltsamen und inhumanen Charakters der Zwangsaussiedlung der Deutschen – nicht mehr akzeptiert. Basierend auf den Präsidialdekreten verloren jedoch die Ungarn ihre Staatsbürgerschaft und alle Rechte. Neben einem Bevölkerungsaustausch – Zehntausende von ihnen gegen in Ungarn lebende Slowaken – und der Politik der Re-Slowakisierung, konnte mit der Politik der sogenannten inneren Kolonisierung begonnen werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Dieser Plan entsprach der Absicht, den Süden der Slowakei vom „ungarischen Element“ zu befreien und gleichzeitig die Zahl der Arbeitskräfte im einstigen Sudetenland zu erhöhen. An die 45.000 Ungarn wurden innerhalb von drei Monaten (November 1946 bis Februar 1947) unter Zwang und Drohungen ins böhmische Grenzland transferiert. Sie waren aufgrund eines Präsidialdekretes über die Pflicht zur Arbeit gezwungen, dort bis Frühjahr 1948 zu verbleiben. Nach Ablauf dieser Höchstdauer, zu welcher das entsprechende Arbeitspfl ichtdekret zwang, kehrten die meisten von ihnen auf individuellen Wegen in die Slowakei zurück, um dem Ort und den Bedingungen zu entkommen, über die sie nicht selbst hatten bestimmen können.

In den Jahren 1948 und 1950 kamen ins tschechische Grenzgebiet Griechen und Makedonier, die nach dem verlorenen Bürgerkrieg fl üchteten – wahrscheinlich die exotischsten Nachsiedler überhaupt. Zunächst trafen die Kindertransporte ein; die Kinder wurden in speziellen Heimen untergebracht, meist in enteigneten Wohnobjekten, die ehemals dem deutschen Adel und der Bourgeoisie gehört hatten. Zu den ersten gehörten die Schlösser in Lesná bei Varnsdorf [Hortau bei Warnsdorf], Kyselka bei Karlovy Vary [Gießhübl-Sauerbrunn bei Karlsbad], Loučná bei Šumperk [Wiesenberg bei Mährisch Schönberg] oder Chrastav bei Liberec [Kratzau bei Reichenberg]. Die Eltern dieser Kinder, die erst später eintrafen, wurden besonders in den Bezirken Bruntál [Freudenthal], Jeseník [Freiwaldau] und Šumperk [Mährisch Schönberg], zum Teil aber auch in Trutnov [Trautenau], untergebracht. Allein in der 20.000-Einwohner-Stadt Krnov [Jägerndorf] lebten in der Mitte der fünfziger Jahre 2.500 Griechen. Diese griechischen Kommunisten wurden zumeist zur Arbeit im Wald oder in der Industrie beordert.

Gemäß offi ziellen tschechoslowakischen Dokumenten vom Jahr 1950 übersiedelten 202.526 einstige tschechische und slowakische Emigranten in die Tschechoslowakei, darunter Tschechen und Slowaken aus der Karpaten-Ukraine, die für die ČSR optiert hatten. Wenn wir zu dieser Zahl noch die 200.000 verbliebenen Deutschen, einige Zehntausend Ungarn, etwa 20.000 Griechen, 150.000-190.000 Slowaken und Zehntausende ostslowakische Roma, die in den ersten Kriegsjahren ins tschechische Grenzland gezogen waren, dazurechnen, so stellen wir fest, dass die Angehörigen ethnisch und kulturell diff erenter Gruppen etwa ein Drittel der Gesellschaft der einstigen Sudetengebiete ausgemacht haben, welche Ende März 1947 nach Angaben der zentralen Siedlungsorgane 2.496.836 Bewohner hatten.

Ein soziales Labor namens Grenzland und die sozialistische Diktatur

Falls jemand den gigantischen Prozess der Grenzlandbesiedlung und der Redistribution von Gütern, welche diesen Prozess begleitete, politisch zu verwerten wusste, so war dies die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei. Der Grund hierfür war eine wirkungsvolle Verknüpfung des nationalen Ethos mit einer faktischen sozialen Revolution, welche durch die Umverteilung der Güter im Grenzland herbeigeführt wurde. Július Duriš, Landwirtschaftsminister und KPTsch-Mitglied, unterschrieb jedes Dekret über Grund und Boden, welches den neuen Siedlern den Erwerb von wenigen Hektar landwirtschaftlichem Grund garantierte; für viele der erste Besitz im Leben überhaupt. Der Verteidigungs- und der Innenminister, beide der KPTsch angehörend, garantierten eine erfolgreiche Durchführung der Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung und Wiederherstellung der Ordnung im Grenzland. Die große Bevölkerungsmasse ohne eigene Traditionen, ohne etablierte Vermögensverhältnisse und sonstige Bindungen stellte eine ideale potenzielle Wählerschaft der KPTsch dar, welche mit diesen Menschen den Ethos des Neuanfangs und der revolutionären Veränderungen teilte. Dies bestätigten die Wahlen im Frühjahr 1946, als die Partei im Grenzland 53 Prozent der Stimmen erhielt (gegenüber durchschnittlich 40 Prozent in den böhmischen Ländern).

Das einstige Sudetenland wurde in vielerlei Hinsicht zum Labor. Neben einem Labor sozialer Revolution, die hier in einem bestimmten Ausmaß bereits vor dem Jahr 1948 stattfand, gab es hier insbesondere noch das Labor des gesellschaftlichen Organismus, auf welchen die KPTsch einen entscheidenden politischen Einfl uss hatte. Das spielte auch nach 1948 eine Rolle, als die Partei die Alleinherrschaft im ganzen Land erlangte; hier im Grenzland, im Gegensatz zum Rest des Landes, stellten sich die traditionellen Institutionen (Kirche, Vereine, Sokol und sonstige) nicht gegen sie oder waren dafür schlichtweg zu schwach. Hier fehlte die Schicht der Großbauern, denn die Neuankömmlinge erhielten nur kleine Grundzuweisungen. Es bestanden hier keinerlei Bindungen zwischen dem Land und den Menschen und zwischen den Menschen untereinander, welche die Ausbildung neuer Strukturen oder einer neuen Identität hätten verkomplizieren können. Daher sollte das Grenzland in den kommenden Jahren zu einem tatsächlichen Kleinod im Aufbau einer neuen Republik werden, zu einem Gebiet, in dem das große Werk nicht nur am wahrscheinlichsten, sondern auch am schnellsten gelingen würde.

Die Erneuerung und Weiterentwicklung der Industrie (insbesondere der Schwerindustrie) im Grenzland war einer der ersten Erfolge, die sich sehr früh ausweisen ließen. In der Industrie wurden Zehntausende deutsche Arbeiter weiterbeschäftigt. Ingenieure und Arbeiter, also Städter aus dem Binnenland, waren an das Zuhause weniger gebunden als Landwirte. Die hohe Arbeitskräftemobilität, der Zustrom neuer Arbeiter vom Lande in die industriellen Zentren sowie hohe Staatsinvestitionen in Industrie und Wohnungsbau bildeten relativ bald günstige Bedingungen für das Leben von Hunderttausenden von Menschen, welche sich in den Grenzlandstädten angesiedelt hatten. So zumindest schien es in den ersten Jahren. Städtische Lebensweise und industrielle Produktion, so stellte es sich heraus, waren einfacher ins neue Milieu zu übertragen.

Die Begleiterscheinungen der Nachkriegsjahre wie Goldgräbertum und sonstige Arten von Kriminalität stellten sich nach 1947 allmählich ein, mit der Errichtung der kommunistischen Diktatur hatte die Anhäufung großer Besitztümer ohnehin keine Perspektive mehr. Die Unterdrückung von Rede- und politischer Freiheit konnte im Grenzland zunächst nochals eine Art der Schaff ung von Übersichtlichkeit über den Raum und als Beginn einer Ära ungestörten Aufbaus durchgehen. Die „Säuberungen“ unter den Nationalverwaltern, in vielen Fällen politisch motiviert, trafen schließlich eine ganze Reihe von tatsächlich korrupten oder schlecht wirtschaftenden Personen. Die Bevölkerung kritisierte in einigen Fällen die Sanftheit der Aktionen und verlieh ihrem Wunsch Ausdruck, dass „unsaubere und einer volksdemokratischen Ordnung negativ gegenüberstehende Elemente nicht länger im Grenzland bleiben“ und somit als Grund dauerhafter Unruhe wegfallen sollten.13 Die nach Februar 1948 ergriffenen Maßnahmen weckten im Allgemeinen bei vielen Neusiedlern Vertrauen und Hoff nung auf eine Konsolidierung der Verhältnisse.

Die hohen Investitionen in die Industriezentren brachten jedoch eine bedeutende Vernachlässigung anderer – insbesondere der westlichen, südwestlichen und nordöstlichen – Regionen des tschechischen Grenzlandes mit sich. Ländliche Gebiete und ländliches Leben ließen sich zudem nicht derart einfach konstruieren wie eine moderne, industrielle, produktionsorientierte Gesellschaft. Besonders in entlegenen Ecken waren die Landwirte zunächst begeistert über die Landzuweisungen; mit sinkender Zufriedenheit fi ngen sie nun bereits im Jahr 1948 an, ihr Land wieder zu verlassen. Neue Probleme brachte die allmähliche Kollektivierung mit sich. Gegen die Entstehung landwirtschaftlicher Genossenschaften bestand im Grenzland kein entschiedener Widerstand. Die Bevölkerung, die hier, anders etwa als die Bauern aus dem Binnenland, zu ihrem Land keinerlei Beziehung hatte, reagierte einfach mit einer Flucht – ins Landesinnere, in die Slowakei.

Eine Reihe von zeitgenössischen Berichten aus ländlichen Gebieten in den fünfziger Jahren schildert das Grenzland als einen dahinsiechenden sozialen Organismus. In der Zeit, als die Massenbesiedlung abgeschlossen und die Besiedlungsbehörden aufgelöst waren und als das Grenzland nicht mehr als ein besonderes Gebiet angesehen wurde, wuchs das Bewusstsein heran, dass eine Ansiedlung im Grenzland einer Strafe glich. Die Verhältnisse, in denen viele Menschen zu leben gezwungen waren, galten selbst unter Zeitgenossen als primitiv. Insbesondere die Dörfer wurden auf sich allein gestellt, weil selbst die zuständigen Genossen in den Nationalen Bezirksausschüssen, die erst kurz zuvor in die Region gekommen waren, kein landwirtschaftliches Fachwissen hatten. Katastrophal wirkte sich außerdem der Mangel an Ärzten (in der Region Tachov [Tachau] etwa kamen 1952 vier Ärzte auf 17.000 Bewohner) und Hebammen aus, was zum Beispiel eine hohe Säuglingssterblichkeit (in der genannten Region Tachov lag sie bei 124 von 1.000 Neugeborenen) zur Folge hatte.

In den Gebieten entlang der westböhmischen Grenze wurde das Leben in den Gemeinden sowie die Forstpfl ege und Landwirtschaftsführung zunehmend durch die Verschärfung der „Grenzsicherungsmaßnahmen“ verkompliziert.15 Aus der Region Jáchymov und auch aus anderen Gebieten wurden ständige Konfl ikte zwischen den lokalen Landwirten und den Grenzwächtern gemeldet, wobei die Grenzbeamten ihre Forderungen stets auf Kosten der wirtschaftlichen Belange durchzusetzen vermochten. Der Grenzsicherungsstreifen, in welchem der größte Teil des unbestellten Bodens der Grenzlandbezirke lag, durfte nur mit einem Passierschein betreten werden, dessen Ausstellung aus Sicherheitsgründen stets mit großen Verzögerungen seitens der Sicherheitsstellen verbunden war.

Sprach man von einer Flucht aus dem Grenzland, so handelte es sich keineswegs um eine Wendung im übertragenen Sinne. Tatsächlich verkauften einige Familien heimlich ihren Besitz, um bei Nacht und Nebel in ihre alte Heimat zu fl üchten. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften fielen demzufolge oft auseinander, weil von den ursprünglich Dutzenden von Landwirten, aus denen sie sich zusammensetzten, nach einiger Zeit nur noch wenige Einzelpersonen übrig blieben. Die übrigen Bewohner – darunter sogar Kinder – verfi elen häufig dem Alkohol. Insbesondere Neusiedler aus der Slowakei fl üchteten in großen Gruppen, oftmals fuhren sie bereits zuvor Baumaterial aus „Abrissen“ in die Slowakei, um sich dort daraus Häuser zu bauen und um das tschechische Grenzland endgültig zu verlassen. „Und wenn das Haus einstürzt, dann gehen wir“, lautete eine ungeschriebene Losung dieser temporären Siedler.

Neben den Kampagnen für die „Nachbesiedlung des Grenzlandes“, von welchen die größte ab September 1953 startete, gab es noch eine gängige Methode zur Behebung sämtlicher Probleme in den ländlichen und entlegenen Grenzregionen: Sie bestand in der Bevölkerungskonzentrierung in größeren Gemeinden und der schrittweisen Entvölkerung gerade erst besiedelter Gemeinden, Bergortschaften, „Eckchen“ und Einöden. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte gingen aufgrund dieser Maßnahmen, der spontanen Entvölkerung sowie der Errichtung von Militärdistrikten und Grenzsicherungsmaßnahmen an die 3.000 solcher Orte unter.

Das Grenzland wurde in den Nachkriegsjahrzehnten zu einem Beispiel dafür, wie schwierig es ist, künstlich eine Gesellschaft zu schaff en, wo es an natürlichen sozialen Beziehungen, an traditioneller Identität und an Bindungen nicht nur der Menschen untereinander sondern auch zur Landschaft, die sie bewohnen, fehlt. Einige der Neusiedler kamen mit den besten Absichten ins Grenzland und diejenigen, die blieben, hatten es in der Regel nicht leicht. Sie waren nicht schlechter als diejenigen, die zu Hause geblieben waren. Trotzdem schaff te man es nicht, die groß angelegten Pläne zu verwirklichen, die von einem den äußeren und inneren Feind bewachenden arbeitsamen Kollektiv sprachen.

Bis heute sucht das Grenzland seine Identität. Es zeigt sich, dass diese Suche ohne eine Anknüpfung an die älteren Schichten des Gedächtnisses dieses Landes kaum erfolgreich sein wird. Dies ist ein komplizierter Prozess mit off enem Ende – sicherlich jedoch kein aussichtsloser.

1 NÁRODNÍ ARCHIV [Nationalarchiv Prag, im Folgenden NA], F. AMV_Noskův archiv, karton

 

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