Eine Region – eine Heimat Zugänge über Erinnerungen

Der Einleitungstext von Sarah Scholl-Schneider, Miroslav Schneider, Matěj Spurný zum Buch Sudetengeschichten

Eine Region in der Mitte Europas, das Sudetenland, verbindet zwei Gruppen von Menschen, die aus vielerlei Gründen wenig voneinander wissen: Seine ehemaligen und seine heutigen Bewohner. Erst als die einen jene Region verlassen mussten, kamen die anderen dorthin. Während die einen lebendige Erinnerungen an Orte und Begebenheiten besitzen, haben die anderen in nicht immer einfachen Prozessen dort ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Und während die einen bitter enttäuscht von „den Tschechen“ waren, verbreitete das kommunistische Regime bei den anderen eine Politik der Auslöschung der Erinnerung an das Vergangene, an „das Deutsche“. Alles das wirkt auf beiden Seiten nach. Doch es ist noch etwas, das diese beiden Gruppen von Menschen verbindet: Die Suche nach einer neuen Heimat. Einer neuen Heimat, die sich zunächst nicht unbedingt als heimisch darstellte. Die man sich erarbeiten musste. Anna Vlková, die aus Wolhynien ins Sudetenland kam und Edith Voigt, die nach der Vertreibung aus dem Sudetenland in die Sowjetische Besatzungszone gelangte, erinnern sich ganz ähnlich an ihren ersten Schultag in der fremden Umgebung. Anna Vlková: „[…] und ich kann mich noch erinnern, dass wir uns alle, die aus Wolhynien kamen, vor Herrn Lehrer Drapák in eine Reihe stellen mussten. Ich kann mir denken, wie wir auf die Kinder dort gewirkt haben müssen. Wir trugen Schuhe aus Filz […] und wir standen ängstlich da, wussten nicht, was folgen würde, aber unser Lehrer hat uns jeweils zu tschechischen Kindern gesetzt. Und wir gewöhnten uns sehr schnell ein […].“ Edith Voigt berichtet: „Wir Kinder haben uns aber bald untereinander angefreundet, auch wenn sie uns ‚katholische Rattenschwänze’ usw. genannt haben.“

In den Erinnerungen der einen ist es das Ankommen im Sudetenland, in denen der anderen das Weggehen von dort, das einen wichtigen Platz in den Erzählungen einnimmt. Meist prägten sich beschwerliche Wege fest in die Erinnerung ein. In beiden Fällen waren es Momente, die Übergänge im Leben markierten, prägend bis ins Heute. Daher ist es so spannend, diese Erinnerungen aufzuzeichnen. Und daher ist es so wichtig, diese Erinnerungen mitteilbar zu machen. Gegen jene immer wieder auftauchenden Bedenken, dass es Blicke aus dem Jetzt sind, die das Vergangene werten und einordnen, möchten wir einwenden: Andererseits ist es auch eine Chance, heute mit verhältnismäßig alten Personen zu sprechen. Erinnerung muss sich nach wichtigen Geschehnissen im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal „setzen“. Wir wollen mit den Interviews mehr als persönliche Sinnsuche und spontane Eindrucke verdeutlichen. Durch diese „gesetzte“ Erinnerung haben wir die Möglichkeit, mit den individuellen Lebensgeschichten auch Einblicke in kollektive Erinnerungsmuster zu eröff nen. Es ist uns ein Anliegen, durch diese Publikation beiden Seiten die Schicksale der jeweils anderen Seite vorstellen zu können. Bereits in den Vorgesprächen, als es um die konkrete Planung des Buches ging, konnten wir immer wieder Erstaunen auslösen: „Ach, selbst Griechen kamen dorthin?“, wunderten sich viele sudetendeutsche Zeitzeugen. Die tschechischen Zeitzeugen sind zwar besser mit der Th ematik der anderen hier vorgestellten Gruppe vertraut; doch es ist unserer Meinung nach dennoch wichtig und an der Zeit, die beiden für das Sudetenland einschneidenden Prozesse – die Vertreibung und ihre Folgen sowie die Nachbesiedlung und ihre Umstände – miteinander in Verbindung zu bringen. Durch den hier gewählten multiperspektivischen Zugang zu diesen Prozessen, der sowohl in den beiden einleitenden Texten als auch durch das Kaleidoskop an individuellen lebensgeschichtlichen Erinnerungen verfolgt wird, möchten wir einseitige Interpretationen verhindern.

An dieser Stelle soll zum besseren Verständnis kurz der Kontext beschrieben werden, aus welchem heraus die Kooperation zwischen Antikomplex und dem Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg und damit schließlich dieses Buch entstanden sind. Am Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte widmet sich seit 2008 das Projekt „Sudetendeutsche Vertriebene in Bayern. Ein Interview- und Dokumentationsprojekt“ unter der Leitung von Prof. Dr. Marita Krauss Fragen des multiethnischen Zusammenlebens in den Böhmischen Ländern bis zum Ende des Zweiten

Weltkriegs, ebenso Fragen von Vertreibung, Integration und neuen Aufbrüchen im zusammenwachsenden Europa. Hintergrund ist das von Marita Krauss erstellte Konzept für das geplante Sudetendeutsche Museum in München. Das Augsburger Projekt versteht sich dafür als Pilotprojekt. Im Mittelpunkt des Projektes stehen Interviews mit sudetendeutschen Vertriebenen in Bayern. Über die Individualgeschichten sind Möglichkeiten zu zeigen, das Zusammenleben, das Miteinander und Gegeneinander von Deutschen und Tschechen vor der Vertreibung, danach, und heute im zusammenwachsenden Europa zu erforschen und zu präsentieren. Die tschechische Bürgerinitiative Antikomplex wiederum hat vor einigen Jahren damit begonnen, Zeitzeugen zu befragen, die (überwiegend) in der Nachkriegszeit im Sudetenland lebten. Seit vielen Jahren erforschten sie bereits die Veränderungen der Kulturlandschaft (vgl. etwa Ausstellung und Publikation „Das verschwundene Sudetenland“), dies war nun durch die Geschichten ihrer Bewohner zu ergänzen. So ist das Buch „Sudetské osudy“ [Sudetenschicksale] entstanden, in dem sowohl Menschen, die schon vor dem Krieg in dieser Region lebten als auch diejenigen, die erst nach 1945 dorthin gekommen sind, zu Wort kamen. Dabei entstand natürlich eine Lücke: Die Mehrheit der vor dem Krieg im Sudetenland Lebenden ist in dem Buch nur durch eine einzige Person, die vor einigen Jahren den seltenen Schritt der Rückkehr in die alte Heimat getan hat, vertreten. Gleichzeitig ist das tschechische Publikum immer interessierter an der Erfahrung der Vertriebenen, zu denen es für sie meist keinen einfachen Zugang gibt.

So entstand die Idee, Interviews der Art, wie sie in der genannten Publikation von Antikomplex präsentiert werden, gegen Interviews mit sudetendeutschen Vertriebenen zu  spiegeln. Dass eine solche Gegenüberstellung in beiden Sprachen angeboten werden müsste, verstand sich von selbst. Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes, das vom Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds fi nanziert wurde und dem dafür unser herzlicher Dank gilt, war diese Idee zu realisieren. Menschliche Schicksale lassen sich nur schwerlich in Schubladen einteilen. Dennoch sehen wir uns dazu immer wieder gezwungen und verführt, in diesem Buch allein durch das Bestreben nach einer gewissen Übersichtlichkeit. Schnell schien bei der Planung der Inhalte dieses Buches klar zu sein, dass die tschechischen Interviews auf gewisse Art repräsentativer zu sein schienen: Menschen, die nach dem Krieg in die Sudeten zurückgekehrt sind oder als neue Siedler hierher kamen, kann man leichter in bestimmte Kategorien einteilen. Die „Zurückgekommenen“ repräsentiert hier Liselotte Židová, die einer deutsch-jüdischen Familie aus der Nähe von Freudenthal [Bruntál] entstammt, deren Familienmitglieder teilweise 1938 und teilweise 1945 vertrieben wurden – je nach dem, ob sie eher deutsch oder eher jüdisch waren. Die größte Gruppe der Neusiedler, Tschechen aus dem Binnenland, vertritt hier Jindřich Trávník, der als Arzt in den fünfziger Jahren nach Nordböhmen kam – dies, ohne dies selbst wählen zu können. Die breite Kategorie von Remigranten und Repatrianten repräsentieren Eva Šerá – sie entstammt der Gruppe der Tschechen aus Schlesien, die oftmals paradoxerweise das Tschechische schlechter beherrschten als viele der Sudetendeutschen – und das Ehepaar Vlk aus dem (heute ukrainischen) Wolhynien. Die exotischste Siedlergruppe, nämlich die emigrierten griechischen Kommunisten, vertritt Ilias Michopulos, der 1948 mit anderen griechischen Kindern kam und sich zu einem tschechischen Patrioten mit griechischen Wurzeln entwickelte.

Die Vertriebenen, die im Rahmen des Projektes „Sudetendeutsche Vertriebene in Bayern“ interviewt wurden, scheinen auf den ersten Blick eine homogenere Gruppe darzustellen und ließen sich schwieriger typologisieren. Alle kamen aus dem Sudetenland und landeten in Bayern. Auf den zweiten Blick aber wurde deutlich, dass es Nuancen des Umganges mit dem Schicksal, Sudetendeutscher zu sein, gibt, die diese Gruppe doch in sich diff erenziert. Zudem hat jede Lebensgeschichte ihre individuellen Besonderheiten. So entschieden wir uns schließlich für fünf Lebensgeschichten, die trotz ihres vordergründig gemeinsamen Schicksals doch sehr unterschiedlich verliefen. Aktiv im sudetendeutschen Verbandsleben engagiert sich Helga Heller als Mitglied der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Dieses Engagement stellt für die Passauerin aus Böhmisch Leipa [Česká Lípa] sogar einen gewissen Heimatersatz dar. Ihre Lebensgeschichte ist aber auch wegen ihres doppelten Vertreibungsweges (zunächst „wild“, dann organisiert) eine interessante historische Quelle. Auch Ernst Kukula gehört zu den „organisierten“ Vertriebenen, er ist aktives Mitglied der katholischen Ackermann-Gemeinde. Zu dem Besonderen an seiner Lebensgeschichte gehört, dass sein Elternhaus, das sich seit Jahrhunderten im Besitz der Familie befand, nicht an Fremde, sondern an Verwandte übergeben wurde. Es mag purer Zufall sein, aber sowohl Heller als auch Kukula heirateten später in Bayern vertriebene Landsleute. Die Lebensgeschichte von Marlene Wetzel Hackspacher ist in vielerlei Hinsicht spannend: Mit „unsichtbarem“ sowie illegalem Gepäck ausgestattet, gründete sie im Schwäbischen eine Oblatenbäckerei. Es ist die Geschichte einer außergewöhnlich geglückten Integration, bei der allerdings viele Faktoren aufeinandertrafen. Johann Swetlik war bei Kriegsende bereits erwachsen; daher war sein Weg von Brüchen geprägt, dies besonders mit Blick auf sein Berufsleben. Sein Neubeginn in Schwaben stellte eine harte Zäsur dar, die ihn dennoch nicht davon abhielt, Verbindungen in die Heimat aufrecht zu erhalten. Edith Voigt schließlich erlebte den Neubeginn gleich zweimal. Zunächst in die Sowjetische Besatzungszone vertrieben, floh die Familie 1955 in den Westen und begann in Bayern ein zweites Mal von vorne.

An den Interviews lassen sich viele Aspekte ablesen: Die Tatsache, der Heimat beraubt worden zu sein, macht die Menschen nicht automatisch lebenslang heimatlos, sondern lässt vielfach Alternativen zu örtlicher Verwurzelung entstehen. Versteht man Heimat auch als sozialen Raum, so kann sie sich in lebens- und alltagsweltlichen Interaktionen im Rahmen von Bekanntschaften, Treff en von Landsleuten oder Schreiben für und Lesen von Heimatblättern auch an einem anderen geographischen Ort erleben lassen. Heimat ist jedoch immer individuell, nicht abstrakt. Von dieser individuellen und sehr persönlichen Heimat kann man träumen, sie enthält den Duft der Kindheit. Der Verlust der Heimat lässt sie im Kopf und im Herzen oft intensiver und farbiger wieder erstehen, als sie je war und als sie derjenige erlebt, der sie jeden Tag um sich hat. Ilias Michopulos, der nach 1945 ins Sudetenland kam, kann die Frage nach seiner Heimat nicht eindeutig beantworten, sagt aber: „Wir mögen gern die Berge hier, die Landschaft, wenngleich es hier etwas kälter ist“. Und Marlene Wetzel Hackspacher, die Vertriebene, betont: „Meine Heimat bleibt in meinem Kopf so wie sie war. So schön.“ Der gemeinsame Nenner, so scheint es, ist die Landschaft. Bei den einen vor der Tür, bei den anderen im Kopf. Auch die bestehenden oder neu gewonnenen Verbindungen in die alte Heimat, die bei den meisten Sudetendeutschen durch Besuche zustande kamen, verdeutlichen den gewaltigen Stellenwert der Region für die Menschen, die sie verlassen mussten. Möge das Kennenlernen der Lebensgeschichten der durch Antikomplex vorgestellten heutigen Bewohner dazu führen, eine weitere Verbindung herzustellen. Und mögen auf der anderen Seite die neuen Bewohner durch eine Integration der Erinnerungen der alten ihr Wissen um ihre neue Heimat erweitern. Und mögen schließlich alle weiteren Leser dieses Buches seine Inhalte ganz vielfältig nutzen: Als historische Informationsquelle, als mit Geschichten erzählte Geschichte, als Mosaiksteine der „großen“ Geschichte, als Weg, Gemeinsames in Unterschiedlichem, Verbindendes in lange Zeit Getrenntem zu fi nden. Oder einfach nur als spannende Lektüre.

Vom Interview vor Ort zum Text im Buch

 „Ich habe doch gar nichts Bedeutendes zu erzählen“, reagieren viele Zeitzeugen auf die Auff orderung, ihre Lebensgeschichte zu erzählen und befi nden sich schon Minuten später in den spannendsten historischen Schauplätzen und Episoden. Es scheint, als müsse man nur zum Erzählen anregen. Und das haben wir getan. Oral History, mündlich erinnerte Geschichte, besitzt neben dieser Attraktivität des „Unmittelbaren“ – aber auch des „Menschlichen“ – eine Sonderstellung in den Geschichts- und Kulturwissenschaften: ist sie doch Quelle und Methode zugleich. Zunächst sind, was das vorliegende Buch angeht, einige Worte zur Methode notwendig: Die in diesem Buch versammelten Interviews sind nicht auf Basis eines festen Fragebogens entstanden. Lediglich die Eingangsfrage, die der Lebensgeschichte galt, wurde allen ähnlich gestellt. Sie war bewusst off en gefasst, gab sie doch den Interviewten die

Möglichkeit, ihre Erzählung frei zu strukturieren, aber auch frei zu gewichten. Der Vorteil liegt auf der Hand: Zum einen besteht dadurch die Möglichkeit, sich erst einmal anhand seines eigenen Lebensweges „freizusprechen“. Zum anderen aber ist diese freie Strukturierung der Lebensgeschichte für die Analyse von größter Relevanz: Woran orientiert sich der Erzähler, wenn er sein Leben erzählt? Treten in der Erzählung die von dem Kulturwissenschaftler Albrecht Lehmann als „Leitlinien“ bezeichneten Erzählstränge als subjektive Kategorisierungen auf, die ein „Gerüst bei der Einteilung des ganzen Lebens“ darstellen können? Die Fragen, die der Erzählung der Lebensgeschichte folgten, waren je nach Interviewer unterschiedlich und griff en Interessantes aus dem autobiographischen Erzählten auf. Die Fragenden ließen sich dabei von ihrem eigenen thematischen Bewusstsein leiten, jeder setzte andere Schwerpunkte.

Alle Interviews wurden digital aufgezeichnet und anschließend transkribiert. Für die Publikation haben wir uns entschieden, die Interviews in gekürzter und redaktionell bearbeiteter sowie durch die Zeitzeugen autorisierter Form zu veröffentlichen. Selbstverständlich geht man dabei Kompromisse ein – in Bezug auf die Kürzungen wie in Bezug auf die redaktionellen Veränderungen. Gesprochene Sprache auf eine lesbare Ebene zu heben, ohne dabei den Charakter des Gesprochenen zu verlieren (und das alles noch zu übersetzen!) stellte uns als Bearbeiter vor die eine oder andere Herausforderung. Wir hoff en, einen angenehmen Weg gefunden zu haben, der die Eigenarten des Gesprochenen bewahrt und dennoch einen glatten Lesefluss ermöglicht. Ebenso mussten wir in der Frage der Übersetzung von Ortsnamen eine Lösung finden. In den Originaltexten stehen die Ortsnamen ausschließlich in der Variante, die der Zeitzeuge verwendete. In der Übersetzung der tschechischen Interviews befindet sich an erster Stelle die Variante, die im Original genannt wurde, dahinter – sofern vorhanden – in eckigen Klammern die Übersetzung. In der Übersetzung der deutschen Interviews ins Tschechische ist es aus Gründen der Lesbarkeit (Vermeidung der Deklination deutscher Ortsnamen) grundsätzlich umgekehrt. Auch das Kürzen von Interviews, deren Dauer zwischen einer und mehreren Stunden variierte, fiel nicht immer leicht. Zum besseren Verständnis sowie im Sinne einer logischen inhaltlichen Gliederung sind bei der Redaktion daher manchmal Fragen eingefügt worden, die im Interview nicht gestellt wurden. Die vollständigen Transkriptionen sowie die Audiodateien sind bei Interesse über die jeweiligen Projektpartner einzusehen.

Die tschechischen Interviews von Antikomplex lassen sich, was ihren Entstehungskontext angeht, in drei Kategorien einteilen. Drei Interviews stammen aus dem Material, das für das Buch Sudetské osudy [Sudetenschicksale] von Matěj Spurný in den Jahren 2005-2006 aufgenommen wurde, wobei zwei der hier publizierten Gespräche sich auch in jenem Buch befi nden. Es handelt sich dabei um solch einzigartige und aussagekräftige Lebensgeschichten, dass wir sie nicht durch andere ersetzen, sondern sie in dieser Publikation nun auch deutschen Lesern zugänglich machen wollten. Das Gespräch mit Eva Šerá wurde im Rahmen seiner Dokumentationstätigkeit im Erzgebirge von Petr Mikšíček aufgenommen. Das Gespräch mit Jindřich Trávník wurde extra für dieses Buch von Matěj Spurný geführt. Die Auswahl der insgesamt etwa 100 Gesprächspartner, mit denen die Mitglieder von Antikomplex inzwischen Interviews geführt haben, entspricht der langjährigen Erfahrung der aktiven Mitglieder der Gruppe, die seit 1998 die frühere und heutige Gesellschaft im Sudetenland erforscht und einer breiteren tschechischen Öffentlichkeit vorstellt. Dies gilt auch für die fünf für dieses Buch ausgewählten Lebensgeschichten. Selbstverständlich konzentriert sich Antikomplex vor allem (aber nicht nur) auf Personen, die auf dramatische Lebensgeschichten zurückblicken; deshalb kann die Auswahl nicht unbedingt als repräsentativ gelten. Andererseits ist es in unseren Augen beinahe unmöglich, in der älteren Generation im Sudetenland Menschen zu finden, die keine Vertreibungen oder andere Brüche in ihrer Lebensgeschichte erlebt haben.

Die Interviews des Lehrstuhls für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg wurden von mehreren Personen und in unterschiedlichen Kontexten geführt; dies bedarf ebenfalls einer kurzen Erklärung. Mit Ausnahme des Interviews mit Helga Heller entstanden die vier weiteren deutschen Interviews im Rahmen von Übungen zu Oral History an der Universität Augsburg. Sie wurden demnach von „Anfängern“ geführt, die sich während ihres Geschichtsstudiums mit der Th ematik beschäftigten. Den vier Studierenden Felicitas Heimann, Johannes Moosdiele, Birgit Pfeiff er und Jakob Schwarzbäcker gilt unser herzlicher Dank, auch für die Auswahl der Gesprächspartner. Die Auswahl haben die Studierenden selbst getroff en; dies macht das Sample differenzierter. Das fünfte Interview wurde von Sarah Scholl-Schneider, die jene Oral-History-Übungen geleitet hat, im Auftrag der Sudetendeutschen Stiftung geführt. Denn seit 2009 wird das Zeitzeugenprojekt von der Sudetendeutschen Stiftung aus Mitteln des Bayerischen Sozialministeriums und des Bayerischen Landtags finanziert; der Stiftung gilt unser herzlicher Dank für die Möglichkeit, dieses Interview hier zu verwenden. Generell waren und sind beinahe alle sudetendeutschen Vertriebenen, die wir nicht über Verbandsmitgliederlisten, sondern über das Schneeballprinzip ermittelten, zu einem Interview bereit. Sie möchten ihre Erinnerungen mitteilen, und dies insbesondere der jüngeren Generation. Die Interviews wurden zuhause bei den Gesprächspartnern geführt, und zwar im Idealfall ohne weitere anwesende Personen. Das Umfeld des Interviews ist nicht unwichtig: Das außersprachlich Geäußerte bzw. eben nicht Geäußerte, prekäre Stellen im Verlauf des Gespräches, die Thematik vor und nach dem Einschalten des Diktiergerätes oder aber auch das Gefühl von Sympathien, Dominanzen oder Asymmetrien zwischen Erzählendem und Fragendem sind – bestenfalls in einem Protokoll festgehalten – Bestandteil der durch uns geschaffenen Quelle.

Hier nun tun sich allgemeinere Fragen zu Oral History als Quelle auf: Denn wir produzieren als Wissenschaftler mit unseren Fragen an Zeitzeugen und Zeitzeuginnen eine Quelle, in der wir selbst eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Indem man sich nämlich vom Zeitzeugen in dessen Lebensgeschichte begleiten lässt, ist man gleichzeitig auch Teil seiner Erzählung, seiner Präsentation der Geschichte. Dem eigenen Enkel würde der Zeitzeuge sicherlich anderes erzählen als einem Wissenschaftler. Daher wählt er aus dem unerschöpflichen und eigentlich unerzählbaren „Speicher“ seiner Gesamtbiographie Teile für eine Geschichte aus, welche er dann in eine Erzählung strukturiert und schließlich uns präsentiert. Derjenige, der sich die Lebensgeschichte erzählen lässt, tritt damit gewissermaßen als Ko-Konstrukteur derselben auf. So muss man nicht nur als Interviewer, sondern auch als Leser immer wieder kritisch hinterfragen, von welcher Position aus der Interviewpartner seine Erinnerungen äußert und dass diese Erinnerungen heutige „Re-Konstruktionen“ im Spannungsfeld zwischen Erlebtem und seiner nachträglichen Deutung sind. Auch wenn wir subjektiv etwas wissen, verbietet uns unser objektives Wissen womöglich, diese Erfahrung zu kommunizieren – weil wir inzwischen dazugelernt haben und uns unsere Erfahrung etwa unangenehm sein könnte. Wie man etwas erzählt, wird möglicherweise auch durch unsichtbare Andere aus derselben Gruppe beeinflusst (die das Gesagte auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen könnten), aber auch durch offizielle Erklärungsmuster, vermittelt beispielsweise durch die Medien. So muss bedacht werden, „daß sich Erfahrungen erster und zweiter Hand – ‚Welterfahrung’ und ‚Bucherfahrung’ [...] – im Bewußtsein unentwirrbar vermischen“ (Albrecht Lehmann). Auch tradierte Erlebnisse können in die Lebensgeschichten mit eingehen, was im Rahmen der Erforschung des so genannten Familiengedächtnisses intensiv und mit überraschenden Ergebnissen erforscht wird. Auch aufgrund solch ernst zu nehmender quellenkritischer Ansätze möchten wir mit Nachdruck betonen, dass die Erzählungen der hier vorgestellten Zeitzeugen deren erinnerte Erlebnisse und heutige Deutungsmuster in einem möglichst breiten Spektrum wiedergeben, nicht jedoch die Erkenntnisse von Historikern oder der Herausgeber. Eine „objektive Wahrheit“ zu vermitteln ist nicht die Aufgabe von Oral History und auch nicht die Absicht dieses Buches, es lässt sich aber die subjektive Wahrheit, die hier niedergelegt ist, hinterfragen und es werden Innensichten gezeigt. Lassen wir uns darauf ein. 

Unsere Arbeit

  • Unser neues Buch

    Weggehen und Wiederkehr

    Weggehen und Wiederkehr

    Das Leben der Deutschen in Sudetenland, die Vertreibung nach 1945, Herrkkunft nach Bayern und ein langer Prozess der Integration. Welche Erinnerungen haben die vetriebene Deutschen aus dieser Zeit und wie verändern sie sich im Rahmen der Generationen? Wie im Gegenteil schauen die Tschechen aus Sudetenland die deutsche Vergangenheit an? Das Buch ist eine Übersetzung aus dem deutschen Original Erinnerungskultur und Lebensläufe. Více informací

  • Buch

    Bei uns verblieben

    Bei uns verbliebene

    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

  • Buch

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Sudeten früher und heute anhand von Fotografien. Unser Bestseller gibt eine bildliche Antwort auf die Fragen, die sich jeder stellt, der in die Landschaft des Grenzgebietes kommt und Lust hat, darüber nachzudenken, was uns eigentlich diese Landschaft hinterlassen hat. Více informací

  • Ausstellung

    Tragische Erinnerungsorte

    Tragische Erinnerungsorte

    Seit dem Jahr 2010 ist diese Wanderausstellung unterwegs, bei der Sie von Schülern nordböhmischer Gymnasien an tragische Stellen in ihrer Region in der Zeit von 1938 bis 1945 geführt werden. Mit einer Reihe von Geschichten aus Aussig, Komotau, Postelberg, Kaaden, Saaz und anderen Orten können Sie Einblick nehmen in das Zusammenleben der beiden Völker in der Mitte Europas. Wenn auch Sie die Wanderausstellung bestellen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter: info@antikomplex.cz Více informací

  • Ausstellung

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

  • Buch

    Sudetengeschichten

    Sudetengeschichten

    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací