Fahrradtouren durch das Sudetenland

Bericht zur Spurensuche im tschechischen Grenzgebiet mit dem Fahrrad 2015 - (Eiserner) Vorhang auf!

 

Vom 10.-16. August 2015 fand die elfte Spurensuche im deutsch-tschechischen Grenzgebiet unter der Leitung von Antikomplex statt. Im folgenden Bericht soll ein Überblick über die Ereignisse und Erlebnisse der diesjährigen Spurensuche gegeben werden:

 

Realisierung des Projektes

 

Die "Deutsch-Tschechische Spurensuche" fand in diesem Jahr zum elften Mal statt. Es ist traditionell ein gemeinsames Projekt der Bürgervereinigung Antikomplex (www.antikomplex.cz), der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde (www.junge-aktion.de) und der ifa-Kulturmanagerin bei der Vollversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Diese drei Organisationen waren an der Planung und Umsetzung des Projektes beteiligt.

Das Projekt, für das sich hauptsächlich die deutsche Bezeichnung „Spurensuche“ eingebürgert hat, hat sich in der Art entwickelt, die in vielerlei Hinsicht von anderen deutsch-tschechischen Bildungsprojekten inspiriert wurde. Das Startprinzip der „Spurensuche“ ist es, die Region als lebendige Verflechtung von Geschichte und Gegenwart zu erleben.

Von den gegenwärtigen Problemen kommen wir sehr schnell zu ihren Wurzeln in der Vergangenheit und von dort wieder zu weiteren Auswirkungen auf die Gegenwart.

Dieses Jahr warfen wir einen genaueren Blick hinter die Kulissen der Grenze im Gebiet des Böhmischen Waldes/Česky les. Wir fuhren mit dem Fahrrad zu untergegangenen Dörfern, überquerten gleich mehrmals die deutsch-tschechische Grenze, besuchten themennahe Museen, wurden über die jüdische Geschichte im Böhmischen Wald aufgeklärt, hatten interessante Gespräche sowie Diskussionen über den Begriff „Grenze“ und sprachen mit Zeitzeugen, die uns einen tieferen Einblick in das damalige Leben an der Grenze ermöglichten. Das abendliche Beisammensein in Form von themenrelevanten Spielen am Lagerfeuer knüpfte und vertiefte nicht nur Kontakte und Freundschaften, sondern bot weitere thematische Anknüpfungspunkte zum Thema „Grenze“ und half uns dabei, den Tag nochmals zu reflektieren und die gewonnen Eindrücke zu vertiefen. Während wir die ersten beiden Tage in einem angemieteten Haus in Rybník/Waier nächtigten, wurde der Gruppenzusammenhalt in den restlichen Tagen in einem Pfarrhaus in Holostřevy nochmals gestärkt. Denn gemeinsames Kochen und wenig Privatsphäre auf einem bauernhofähnlichen Gut schweißt einen zwangsläufig zusammen. Die untergegangenen Dörfer des Böhmischen Waldes sowie das Thema „Grenze“ im Allgemeinen begleiteten uns dabei auf dem Weg und wurden von vielen weiteren spannenden Themen, die die Gegend, durch die wir fuhren zu bieten hatte, ergänzt. Das Wetter machte uns hierbei keinen Strich durch die Rechnung und erfreute uns mit ununterbrochenem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen, was die ein oder andere zusätzliche Pause unabdingbar machte.

 

Programm und Ablauf

 

a) Vorbereitung

Die Vorbereitung der „Spurensuche“ ist immer sehr zeitaufwendig und erfordert mehrere Vorbereitungsfahrten. Dieses Jahr hatte die Erkundung und Bewertung der Routen nach Befahrbarkeit, Eignung und thematischem Bezug zwei volle Tage in Anspruch genommen. Die organisatorische Seite ist jedes Mal eine Herausforderung, da nicht nur die Route, sondern auch alle Unterkünfte und Mahlzeiten im Voraus geplant werden müssen. Die genaue Vorbereitung ist bei einer so großen Gruppe eine Sicherheitsmaßnahme, ohne die es nicht möglich wäre, eine solche Reise durchzuführen. Dank der Vorbereitungstouren wussten wir, dass der Weg und die Straßen für unsere Gruppe von Radfahrern sicher befahrbar sein würden und konnten die Reise auch im Detail planen.

Die Rahmenvorgaben für die Tour in diesem Jahr hat uns eine Recherche über die Geschichte und die historischen Besonderheiten des Böhmischen Waldes geliefert, die die Organisatoren der diesjährigen Spurensuche vornahmen. Dabei war das von Antikomplex herausgegebene Buch „Das verschwundene Sudetenland“/„Zmizelé Sudety“ von besonderer Bedeutung. Bis auf einige kleine Änderungen, die wir aufgrund schwierigen Geländes oder fehlender Unterkunftsmöglichkeiten vornehmen mussten, konnten wir die meisten sowie die für uns am wichtigsten erschienenen untergegangenen Dörfer und grenzwichtigen Orte erkunden. Es hätten noch einige weitere Orte angeschaut werden können, wozu die Zeit allerdings zu knapp gewesen ist, leider.

Die zusätzliche Verknüpfung der Orte mit verschiedenen aktuellen und historischen Themen, gab uns die Möglichkeit, diese ganz neu und vor allem auch nicht nur aus „touristischer“ Sicht wahrzunehmen.

 

b) Teilnehmer und Werbung

Die Teilnehmerzahl ist weitgehend stabil. In den Anmeldephasen haben wir die Kapazität meist schnell gefüllt. In diesem Jahr hatten wir insgesamt 26 Teilnehmer, 13 tschechische und 13 deutsche.

Die Teilnehmer waren im Durchschnitt zwischen 18 und 35 Jahren. Wir hatten in unserer Gruppe aber auch einen 14-Jährigen sowie einen 74-Jährigen. Letztgenannter reist nun schon seit mehreren Jahren regelmäßig mit uns, worüber wir uns immer sehr freuen. Auch wenn er in diesem Jahr aus organisatorischen Gründen nur mit dem Auto teilgenommen hat, war er eine Bereicherung sowie eine große Hilfe für die Gruppe. Ein weiterer angemeldeter 83-jähriger Teilnehmer, der ebenfalls schon seit Jahren mit von der Partie war, musste aus gesundheitlichen Gründen leider absagen.

Sprachlich gab es in der Gruppe keine signifikanten Probleme, da eine große Zahl der Teilnehmer beide Sprachen beherrschte und so auch für die anderen immer die Möglichkeit bestand, einen Übersetzer zu finden.

Die Werbung lief über die gewohnten Pfade. Wir haben ein Plakat ausgearbeitet, das dann in verschiedenen Formen elektronisch verbreitet wurde. Wir haben die Möglichkeiten von Antikomplex und der Jungen Aktion genutzt, die Werbung via Email zu verschicken sowie über deren Webseiten über die Spurensuche zu informieren. Darüber hinaus wurde der Werbeflyer an JUKON weitergeleitet.

 

Ablauf

 

Montag, 10.08.2015

Startpunkt war unser angemietetes Haus in Rybník/Waier, in welchem sich alle Teilnehmer im Laufe des Montagabends einfanden. Nachdem auch die letzten Teilnehmer von den Bahnhöfen Waldmünchen und Hostouň durch das Antikomplexteam abgeholt wurden, begann endlich der offizielle Teil der Spurensuche. Das Programm bestand an diesem ersten Abend vor allem aus der Vorstellung des Programms sowie dem gegenseitigen Kennenlernen. Dieses wurde durch die Beantwortung der folgenden Fragen durch jeden einzelnen Teilnehmer unterstützt: Wie wird mein Name in der jeweils anderen Sprache geschrieben?; Wie habe ich von der Spurensuche erfahren?; Inwiefern bin ich mit der Grenze schon einmal in Verbindung gekommen? Darüber hinaus wurde mithilfe einer Präsentation ein Überblick über die Geschichte der Region („Böhmischer Wald als Teil des verschwundenen Sudetenlandes“) gegeben und somit auch eine thematische Grundlage für die folgenden, erlebnisreichen Tage gelegt.

 

Dienstag, 11.08.2015

Der erste „Radlertag“ konnte vom Wetter her nicht besser sein. Hinzu kam die große Vorfreude aller Teilnehmer auf das Bevorstehende. So verließen wir Rybník/Waier und machten uns auf den Weg in die unmittelbare Grenzregion des Böhmischen Waldes, wo wir schnell auf die ersten untergegangenen Dörfer stießen. Bevor wir eine erste größere Pause in Grafenried/Lučina einlegten, wo die alten Dorfruinen und andere Spuren der einstigen Besiedlung noch besonders deutlich zu erkennen waren, sind wir bereits an den ehemaligen Orten Dianahof/Diana dvůr, Horní Hut, Hranična/Paadorf sowie Úpor/Anger vorbeigekommen. Dort gab es immer wieder kurze theoretisch-historische Inputs, um die Spezifika der Grenzregion zu beobachten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen sowie die damaligen Funktionen der Ortschaften herauszufiltern. So war Dianahof z.B. ein altes Jagdschloss und Hranična ein von der tschechoslowakischen Grenzwache genutztes Areal, was heutzutage nach und nach verfällt. Generell konnte man an diesen Orten sehr schön beobachten, wie (schnell) die Natur die einst von Menschen geschaffenen Gebäude Stück für Stück zurückholt oder bereits erobert hat.

                         

Die gut erkennbaren Überreste von Grafenried/Lučina. Selten waren die Ruinen von untergegangenen Dörfern des Böhmischen Waldes so schön und deutlich zu identifizieren.

 

Nachdem ein schwererer Unfall eines Antikomplexmitgliedes – ausgerechnet Judith, die ihren Europäischen Freiwilligendienst nach der Spurensuche beendete – für einen Schockmoment sorgte, ging es über den Grenzübergang Untergrafenried weiter nach Waldmünchen. Dort stärkten wir uns zunächst in einem Restaurant mit einer hauseigenen Metzgerei, bevor wir dann durch das Grenzland- und Trenckmuseum geführt wurden, wo u.A. über Grenzschmuggel und örtliche Anekdoten berichtet wurde.

                         

Grenzübergang Untergrafenried: die ersten 15 Kilometer sind geschafft und man hat schon viel gesehen und gelernt.

 

Gestärkt durch leckeres Essen und neue Informationen aus dem Museum, ging es nun wieder in den Böhmischen Wald in Richtung Rybník. Einmal mehr kamen wir an untergegangenen Dörfern vorbei: Novosedly/Neubau und Křižová Hut/Kreuzhütte. Kurzvorträge und das Erkunden der Ruinen festigten den Eindruck, den man bereits am Vormittag gewinnen konnte. Trotz der enormen Hitze und den steilen Anstiegen wurde auch das Nichtauffinden der Kreuzhütte mit dem damit verbundenen Umweg von den Teilnehmern locker weggesteckt. Ein weiterer Sturz in einen Graben konnte noch geradeso verhindert werden.

                         

Die hohen Temperaturen und das leckere Mittagessen forderten ihren Tribut. 10 Minuten Verdauungspause waren in der Tagesplanung berücksichtigt.

 

Angekommen in Rybník, gab es nach der abendlichen Verpflegung noch ein kleines Programm. Nach einer kurzen Runde „Grenz-Activity“ kam ein Zeitzeuge zu Besuch, der über seine Erlebnisse als Grenzsoldat in Rybník zur Zeit des Eisernen Vorhangs berichtete. Dies weckte nicht nur das Interesse der Teilnehmer, sondern war aufgrund der erheiternden Erzählungen auch ein gelungener Abschluss des Tages.

 

Mittwoch, 12.08.2015

Auch der folgende Tag – mit 63 km auch der körperlich anspruchsvollste – hat uns mit freundlichem Sonnenschein begrüßt. Noch bevor der nach Höhenmetern schlimmste Teil überwunden werden konnte, quittierte das Fahrrad eines Teilnehmers den Dienst. Nachdem der Rücktransport des defekten Rads organisiert wurde, erreichten wir Schönsee, ohne weitere Verluste in Kauf nehmen zu müssen. Hier besuchten wir das Centrum Bavaria Bohemia, dessen Standort deshalb gewählt wurde, da es sich genau zwischen Pilsen und Nürnberg sowie Prag und München befindet. Nach weiteren Informationen, wie z.B. den Aufgaben des CeBB, der Einrichtung im Allgemeinen sowie den ausgestellten Kunstwerken, ging es weiter zu unserer Mittagsbleibe, wo wir Kraft für die restlichen 40 km tanken sollten.

                         

Nach einer deutsch- sowie tschechischsprachigen Führung im CeBB ging es die nächsten 40 km zunächst durch den Böhmischen Wald in Richtung Holostřevy, unserem neuen Zuhause für die restlichen Nächte.

 

Wir überquerten erneut die Staatsgrenze und waren wieder im Böhmischen Wald. Hier wurden die Spuren der alten Besiedlung wieder deutlich. Zuerst in Plöss/Pleš, später auch in Karlova Hut, einer ehemaligen Glasbrennerei. Kurze Inputs, auch von ortskundigen Teilnehmern, verschafften uns ein vertieftes Bild über die Ortschaften und unterstrichen das am vorherigen Tag bereits Erlernte. Nachdem wir den Böhmischen Wald verlassen, Bělá nad Radbuzou hinter uns gelassen und eine längere Pause an einem See nahe Borek eingelegt haben, hieß es die letzten 10 km die Zähne zusammen zu beißen. Trotz der enormen Hitze und der anspruchsvollen Strecke erreichten wir abends Holostřevy.

                         

Gruppenfoto kurz vor dem untergegangen Ort Plöss/Pleš beim Grenzübergang Friedrichshangl/Pleš

 

Aufgeteilt in nur drei relativ kleinen und nur mit Matratzen ausgestatteten Zimmern des Pfarrhauses in Holostřevy sowie auf die Personenanzahl gerechnet wenigen Waschmöglichkeiten, war die mangelnde Privatsphäre für den ein oder anderen eher ungewohnt, schweißte die Gruppe aber enger zusammen. Abgerundet wurde dieser Umstand durch das abendliche Kochen und gemeinsame Essen sowie das Frühstück und das Abwaschen, wo die Teilnehmer kräftig mit anpackten und unterstützten.

                         

Königlich gedeckte Tische beim ersten Abendmahl in Holostřevy.

 

Abgerundet wurde der Tag noch, indem wir einen Film unter besonderer Betrachtung des Aspekts der deutsch-tschechischen Grenze gemeinsam angesehen haben. So konnte man das Thema „Grenze“ auch aus einer künstlerischen Perspektive reflektieren und sich seine eigenen Gedanken machen. Nicht nur hier äußerten viele Teilnehmer, dass das Wort „Grenze“ meistens eher negativ konnotiert ist. Vollkommen erledigt, trat der größte Teil der Teilnehmer anschließend den Rückzug in ihre Schlafsäcke an.

                         

Das Pfarrhaus in Holostřevy mit großem Garten: ein Idyll zwischen Schafen, Hühnern, Katzen und Natur. Auch die sich im Privatbesitz in der Nähe des Pfarrhauses befindliche Kirche wurde unter musikalischer Begleitung von einigen Teilnehmern genutzt.

 

Donnerstag, 13.08.2015

Dem erholsamen Schlaf folgte das erste selbstgemachte Frühstück im Pfarrhaus und eine 8-9 km lange Fahrradfahrt nach Svojšin, von wo aus wir mit der Bahn nach Marienbad/Mariánské Lázně fuhren. Die heilenden Quellen in dem Kurort sollten die Strapazen des vorherigen Tages wieder ausgleichen. So wurde z.B. stark mineralhaltiges Wasser verköstigt, was allerdings nicht allen Teilnehmern schmeckte. Ein Bad im städtischen Schwimmbad ließ auch die letzte Müdigkeit des Vortages aus den Knochen weichen. Begleitet wurde der Besuch der Stadt von Nataschas Kurzvorträgen (die jedoch von Judith ausgearbeitet wurden) über ausgewählte Sehenswürdigkeiten, die Marienbad zu bieten hat. So gab es Inputs zur „Singenden Fontäne“, der Kolonnade, zur Verbindung der Stadt zu Goethe sowie allgemein zur Stadt im historischen Kontext. Der Stadtrundgang hat den Horizont der Teilnehmer merkbar erweitert und stieß auf reges Interesse.

                         

Der Stadtrundgang durch Marienbad war nicht nur informativ, sondern wurde auch mit der nötigen Gelassenheit angegangen, was zu einer lockeren und entspannten Atmosphäre beitrug.

 

Nach den neu gewonnen Eindrücken in dem historischen Kurort Marienbad ging es zunächst mit dem Zug zurück nach Svojšin, wo bereits unsere Fahrräder auf uns warteten und glücklicherweise nicht gestohlen wurden, wie einige Teilnehmer befürchtet hatten. Auch unsere Fahrradhelme waren offensichtlich nicht interessant genug für Langfinger.

                         

Frisch erholt sowie mit neuen Eindrücken aus dem Kurort Marienbad „im Gepäck“, wurden die letzten Kilometer des Tages mit großer Freude zurückgelegt.

 

Nach der Bewältigung einiger steiler Passagen auf dem insgesamt 8-9 km langen Weg nach Holostřevy wurden Erfahrungen und Eindrücke am Lagerfeuer ausgetauscht. Das Thema „Grenze“ spielte hierbei natürlich auch eine Rolle. Aber auch persönliche Kontakte wurden vertieft, während man eine deftige Lagerfeuerwurst am Spieß oder gegrilltes Gemüse genießen konnte. Später übten sich noch einige Teilnehmer im Gesang und im Theater.

                         

Unbändiger Hunger: unmittelbar nach der Ankunft in Holostřevy wurde das Feuer entfacht und mit dem gemeinsamen Essen am Lagerfeuer begonnen, wo man noch bis in den späten Abend hinein sitzen sollte.

 

Freitag, 14.08.2015

Ausgeruht konnten wir uns am Freitagmorgen wieder auf die Räder setzen und die Tachauer Region erkunden. Hier waren wir auf der Suche nach den Spuren jüdischer Geschichte. Unsere Route führte uns zunächst durch Staré Sedliště und Dlouhý Újezd, wo Natascha zum einen über die Orte berichtete und uns zum anderen über die Vergangenheit des jüdischen Friedhofs im letztgenannten Dorf aufmerksam machte. Die Abgelegenheit und Verborgenheit hat uns nicht nur überrascht, sondern führte auch dazu, dass wir ihn erst einmal einige Minuten suchen mussten. Es hat sich dennoch gelohnt.

                         

Der jüdische Friedhof in Dlouhý Újezd. Wenn man ihn erstmal gefunden hat, zeigt er sich von einer sehr beeindruckenden Seite.

 

Die Fahrt ging weiter nach Tachau/Tachov, wo wir eine Mittagspause einlegten, um anschließend mit neugewonnenen Kräften die Stadt zu erkunden. Hierbei standen einmal mehr die mit jüdischer Geschichte verbundenen Orte im Vordergrund, die durch kurze Inputs näher erläutert wurden. Zu erwähnen sind hier sowohl die Judengasse, der jüdische Friedhof als auch die Geschichte der heutzutage nicht mehr vorhandenen Synagoge. Weiter ging es Richtung Holostřevy über landschaftlich ansprechende Gebiete. Wälder, Wiesen, Seen, Felder und kleine Ortschaften wurden uns geboten. Kurz vor der Ankunft im Pfarrhaus legten wir noch eine Badepause ein, da uns ein auf dem Weg liegender See von den Besitzern des Pfarrhauses besonders empfohlen wurde. Eins lässt sich sicher sagen: wir wurden nicht enttäuscht und die Mehrzahl der Teilnehmer wagte den Sprung ins erfrischende Nass.

                         

Nach anfänglicher Zurückhaltung war es doch ein beträchtlicher Teil, der den Weg ins Wasser fand. Der Rest entspannte sich auf seine Art und Weise.

 

Am Abend wurde wieder zusammen gekocht, was sichtlich allen geschmeckt hat. Diesmal war Chili con Carne auf dem Speiseplan. Anschließend sollte jeder Teilnehmer ein Bild zum Thema „Grenze“ aus einer größeren Masse von Fotos auswählen und über die verschiedenen Arten von Grenzen reflektieren. In der darauffolgenden Diskussion wurde u.A. besprochen, wo Grenzen für Individuen liegen und inwiefern man den Begriff „Grenze“ nicht nur territorial verstehen kann. Auch hier wurde mehrmals erwähnt, dass das Wort „Grenze“ einen negativen Beigeschmack hat. Im weiteren Verlaufe des Abends wurde weiter über das Thema „Grenze“ und deren Eigenarten gesprochen.

                         

Bis in die Dunkelheit hinein war „die Grenze“ für uns von Bedeutung. Dabei gab es mehrere Meinungen und verschiedene Blickwinkel, wie man dem Thema begegnen kann.

 

Samstag, 15.08.2015

Da der Samstag der letzte Radfahrtag unserer Reise war, konnten wir die Strecke in Ruhe angehen. Nachdem wir eine kleine Strecke mit sehr unebenem Untergrund hinter uns gebracht hatten, trafen wir pünktlich in Kladruby ein, um an der Führung im dortigen Kloster teilzunehmen. Die eher roboterartige Vortragsweise des Führers hatte keinen negativen Einfluss auf das Interesse der Teilnehmer. Nach dem dortigen Mittagessen besuchten wir zwei ehemalige Bunker der tschechoslowakischen Armee – einer auf dem technischen Stand von 1938, der Andere von 1965. Dies führte uns den Einfluss und die militärpolitischen Folgen der Grenze noch einmal deutlich vor Augen. Es wurde hierbei nicht nur die Ausrüstung des Bunkers ausführlich erläutert, sondern auch die globalpolitischen Spannungen sowie die geopolitische Lage in den damaligen Zeiten, die eng mit der Grenze verbunden waren.

                         

Auf dem Weg zum ersten Bunker. Hier sollten die deutschen Truppen bei einem möglichen Angriff auf tschechoslowakisches Territorium aufgehalten werden. Später diente die Bunkerlinie als Verteidigungsmittel des Warschauer Pakts gegen in der Theorie mögliche Aggressionen der NATO.

 

Im weiteren Verlauf hat sich die Gruppe in zwei Hälften aufgeteilt. Die einen wollten sich ein historisches Konzert im Kloster Kladruby anhören. Der andere Teil der Gruppe wollte das herrliche Wetter für den letzten Fahrradtag der Spurensuche noch nutzen. Der Weg sollte durch hügeliges Gelände nach Prostibor/Prostiboř führen, wo wir ein altes Schloss besichtigten, was nach dem Zweiten Weltkrieg völlig verfiel, da es sich im damaligen Grenzstreifen befand – der Zugang dorthin war strengstens untersagt. Wie wir schon in den ersten Tagen erfahren haben, traf dieses Schicksal viele Orte und Gebäude an der Grenze. Das wurde uns hier erneut klar. Unglücklicherweise fanden gerade an diesen Tagen Renovierungsarbeiten statt, weshalb wir nicht in das Schloss hereingekommen sind. Aber selbst der Blick von außen war imposant.

                         

In Reih‘ und Glied – die letzten Kilometer der Spurensuche 2015.

 

Wie es der Zufall so will, trafen sich die zwei Halbgruppen direkt dort, wo die beiden unterschiedlichen Wege wieder zusammenführten. So konnten wir den restlichen Weg noch gemeinsam bestreiten. Einen runden Abschluss fand die Fahrradtour an einem anderen, kurz vor Holostřevy befindlichen Badesee, den Tereza noch aus ihrer Kindheit kannte und uns wärmstens empfohlen hat. So genossen wir die letzten Sonnenstrahlen des Tages sowie die letzten Minuten der Tour am See und fuhren schließlich erfrischt und entspannt die letzten 4 km zum Pfarrhaus weiter, womit die Fahrradtour ihr offizielles Ende fand.

Gemeinsam konnten wir den Abend in Gesellschaft der anderen verbringen und genießen. Dabei gab es noch eine Gruppenarbeit, in der verschiedene Aspekte der Grenze behandelt wurden. Von Gedichten schreiben bis Wappen malen, waren quasi alle kreativen Bearbeitungsmöglichkeiten gegeben, mit denen man sich mit dem Thema „Grenze“ auseinandersetzen kann.

                         

Gemeinsames Essen auf dem Hof des Pfarrhauses. Auch die Theaterbühne (oben rechts auf dem Bild) wurde für kreative Stunden genutzt, um die anstrengenden Fahrten künstlerisch ausklingen zu lassen.

 

Sonntag, 16.08.2015

Sonntag war als letzter Tag für die Abreise bestimmt. Nach all den schönen und intensiven Erlebnissen der Woche auf dem Fahrrad fiel der Abschied von der Gruppe vielen am nächsten Morgen recht schwer. Es wurden Nummern ausgetauscht und bereits die mögliche Teilnahme an der nächsten Spurensuche besprochen. Auch über den Ort der nächsten Spurensuche wurde kurz philosophiert. Nach einer kurzen Reflexion, Vergabe von Rollen – wer war unser Ritter? Wer die Mama? – und Auswertung der diesjährigen Spurensuche hieß es dann vorerst Abschied zu nehmen. Zumindest für ein Jahr…

 

Auswertung

 

Insgesamt kann man ohne Zweifel sagen, dass die Spurensuche 2015 sehr gelungen war und allen Teilnehmern ganz neue Einblicke in das Grenzgebiet und die untergegangenen Dörfer, aber auch in alle anderen Themen, die wir auf unserer Reise gestreift haben, ermöglicht hat. Die Gesellschaft in einer tollen Gruppe hat zusätzlich dazu geführt, dass diese Woche uns allen sicher für lange Zeit in guter Erinnerung bleiben wird. Der Dank für die gesamte Organisation gilt Antikomplex (insbesondere Natascha Hergert und Tereza Vávrová, die immer den Überblick und die Ruhe behielten sowie für die Gruppe da waren) und der Jungen Aktion. Außerdem danken wir dem deutsch-tschechischen Zukunftsfonds sowie JUKON für die finanzielle Unterstützung.

Judith geht es nach ihrem Unfall mittlerweile auch wieder den Umständen entsprechend gut. Die Wunden heilen und die Schwellung geht immer weiter zurück. Wir danken auch ihr für die intensiven Vorbereitungen und hoffen auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.

 

a) Konkrete Ergebnisse des Projektes

Bei einem Bildungsprojekt kann es schwierig sein, wirklich greifbare Ergebnisse zu verfolgen und festzuhalten. Wir sehen jedoch trotzdem Ergebnisse auf verschiedenen Ebenen:

 

- Die Teilnehmer konnten einen genaueren Blick hinter die Kulissen des Eisernen Vorhangs werfen. Natürlich kannten die Teilnehmer die Grundpfeiler der Historie des 20. Jahrhunderts, insbesondere des Kalten Krieges. Dennoch war der Zugewinn an Wissen durch die Reise hoch, da Orte besucht sowie Geschichten erzählt wurden, die man sonst nicht hätte wahrnehmen können. Dazu trugen vor allem Zeitzeugenberichte sowie regelmäßige Kurzvorträge des Antikomplexteams bei. Aber auch die Teilnehmer konnten durch eigenes Wissen immer wieder Akzente setzen und einen Beitrag zur Bildung der Anderen beisteuern. An den verschiedenen Stationen unserer Reise wurde die Bedeutung der Grenze für die Region immer wieder betont, wenn auch meistens in negativer Hinsicht – als trennender Faktor.

- Die Verknüpfung der Geschichte der Orte und Bauten mit der aktuellen Situation war besonders interessant. Insbesondere, wie schnell die Natur alte Siedlungen verschwinden lassen kann, Siedlungen politisch bedingt „zum Tode verurteilt“ sind und wie sich diese Siedlungen in einer freien demokratischen Welt entwickeln – oder eben auch nicht entwickeln und weiter zerfallen bzw. an die alten Orte erinnert wird.

- Darüber hinaus wurde den Teilnehmern aufgezeigt, welche Auswirkungen Vertreibungen auf das politische Leben sowie die Landschaft haben können. Ebenfalls wurden die jüdischen Wurzeln in den bereisten Regionen veranschaulicht.

- Außerdem konnten die Teilnehmer die Tachauer Region, den Böhmischen Wald und den Kurort Marienbad (neu) kennenlernen und sich mit den Orten in der Tschechischen Republik aus dem Blickwinkel der „Grenze“ vertraut machen.

- Das Projekt im Ganzen hat unsere Erwartungen erfüllt und wurde von den Teilnehmern sehr positiv reflektiert und bewertet. Es bestand von Seiten der Teilnehmer auch ein großes Interesse, im folgenden Jahr wieder an der Spurensuche teilzunehmen.

 

Wenn wir die Gelegenheit haben, würden wir gerne daran arbeiten, diese Möglichkeit zur deutsch-tschechischen Zusammenarbeit weiter zu entwickeln.

 

b) Beiträge des Projektes zur tschechisch-deutschen Zusammenarbeit, Perspektiven für weitere Aktivitäten

Das beeindruckende Gebiet im ehemaligen Grenzstreifen und die Erforschung desselben ist eine besondere Bereicherung für die tschechisch-deutsche Zusammenarbeit. Diese menschenleere Landschaft mit den immer noch wahrnehmbaren untergegangenen Dörfern und Gemeinden, wo auch jetzt noch Überreste der örtlichen Handwerke sowie der Tradition der Silber- und Erzförderung in der Umgebung zu finden sind, ist oft auf den ersten Blick nicht sehr auffällig, aber es existieren historisch und kulturell wertvolle Überbleibsel auf dem Gebiet der Tschechischen Republik. Dieses kulturelle Erbe ist in großen Ausmaßen auch vom Verfall bedroht, weshalb es notwendig ist, die Menschen damit vertraut zu machen. Dies bedeutet nicht nur eine Rettung des Erbes, sondern ist gleichzeitig eine Bereicherung für alle, die sich damit auseinandersetzen, kann inspirierend sein und die Kreativität wecken.

Auch unsere Reise, die uns in den Böhmischen Wald, die Tachauer Region sowie Marienbad führte, war für die Teilnehmer laut deren abschließender Reflexion inspirierend und bereichernd. Nicht nur die untergegangenen Dörfer, auf dessen Spuren wir in erster Linie achteten, sondern auch die vielfältigen kulturellen und historischen Themen, die wir unterwegs mit einbinden konnten, haben dazu beigetragen.

Das Gebiet, in dem wir uns bewegten, war zusätzlich ein guter Vermittler der gemeinsamen tschechisch-deutschen Geschichte und auch der Herausforderungen und Schwierigkeiten, die diese beinhaltet.

Natürlich ist vor allem auch der persönliche Kontakt zwischen Teilnehmern deutscher und tschechischer Herkunft – noch dazu mit teilweise großen Altersunterschieden – immer eine große Bereicherung für die Zusammenarbeit beider Nationen. Die „Spurensuche“ ist eine gute Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und so eine Zusammenarbeit für die Zukunft zu gewährleisten.

 

In der Hoffnung der Fortführung dieser bereits elfjährigen „Tradition“ freuen wir uns bereits auf die nächste Spurensuche und bedanken uns für die rege und aktive Teilnahme an der diesjährigen Spurensuche.

 

 

Philip Selleske, 24.08.2015

Unsere Arbeit

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