Für die Medien

Von Zeit zu Zeit stellen uns die Leute die gleichen Fragen. Deswegen haben wir uns entschieden, die am häufigsten beantworteten Fragen in einer Gesamtübersicht vorzustellen.

FAQ

Warum haben Sie sich den Namen Antikomplex gegeben?

Weil wir glauben, dass eine nicht aufgearbeitete Vergangenheit nicht nur bei dem Einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft so etwas wie einen Komplex hervorruft. Ein Komplex ist etwas, das wir nicht unter Kontrolle haben. Ohne dass wir es schaffen würden, dies zu beeinflussen, taucht er unvorhergesehen auf und „bereitet Probleme“. Im eigentlichen Sinne des Wortes macht er uns unfrei und hindert uns am Vorankommen. Als beispielsweise während den Präsidentenwahlen im Winter 2013 die These auftauchte, dass Karel Schwarzenberg kein Tscheche sei und die Sudetendeutschen hofiere, sprach diese aus verschiedenen Gründen absurde Behauptung noch eine Menge Leute an. Das ist unserer wahren Freiheit bestimmt nicht zuträglich. Der Weg, sich von Komplexen zu befreien, ist schlicht, über sie zu sprechen.

Warum machen Sie das eigentlich?

Wir sind nicht auf die Vergangenheit fixiert. Ganz im Gegenteil: Wir bemühen uns nur, auf den Preis aufmerksam zu machen, der für eine wirklich offene und freie Zukunft gezahlt werden muss. Solange wir nicht zu kritischem Abstand fähig sind und Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen, bleiben wir weiterhin ihre Gefangenen. Denn Freiheit entsteht dadurch, dass wir es schaffen, die Denkweise der vergangenen Ereignisse zu erkennen und uns von ihr zu befreien, sonst wiederholt sich die Vergangenheit und hält uns fest in ihrer Hand.

Als ein Beispiel dafür kann gerade die Denkungsart des Nationalismus gelten, welcher uns noch bis vor Kurzem in seinem Bann hielt und bis heute die Realität der tschechischen Welt bestimmt. Den Nationalismus leben wir zwar schon nicht mehr, aber uns blieb von ihm ein starker Ethnozentrismus erhalten. Dieser ist zwar nicht kämpferisch, aber ständig betrachten wir etwas als allein „unser“ und nur das, was ethnisch genommen tschechischer Herkunft ist. Mehr steckt in diesem „Wir“ nie. Doch ist es eben an uns, ob wir dies so wollen und ob wir auch im 21. Jahrhundert ein Land mit derartig beschränktem Horizont bleiben wollen. Sofern wir das ändern möchten, müssen wir es verstehen, unsere Geschichte zu reflektieren und gegen diese ethnozentrische Denkweise eine andere, offenere Geschichte stellen. Wir wollen schlicht konkrete historische und gesellschaftliche Themen durch die befreiende Kraft kritschen Denkens und den Mut zu kritischer Selbstreflexion vermitteln.

Warum verwenden Sie den Begriff „Sudeten“ bzw. „Sudetenland“?

Geografisch ist der Begriff „Sudeten“ ungefähr mit den Gebirgen vom Altvater Gebirge bis zum Lausitzer Gebirge verbunden. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich diese Bezeichnung für das gesamte deutschsprachige Gebiet Böhmens, Mährens und Schlesiens durch. Es war eine politisch motivierte Handlung von Seiten der deutschen Nationalisten, mit dem Ziel, dass sich unter dieser Bezeichnung die Deutschen der böhmischen Länder vereinigen, um den stets stärkeren Tschechen besser standhalten zu können. Nach der Entstehung der Tschechoslowakei kam dieser Begriff sehr gelegen. Henleins nationalsozialistischer Sudetendeutscher Partei gelang es, die Deutschen aus den böhmischen Ländern zu vereinen und so die Sudetendeutschen zu bilden. Deswegen war der Begriff „Sudeten“ bzw. „Sudetenland“ nach dem Krieg für lange Zeit diskreditiert.

Warum wir ihn dennoch benutzen? Weil es sich um ein Gebiet handelt, dessen Geschichte mit dem Jahr 1945 nicht abgeschlossen wurde. Die Zwangsaussiedlung der Deutschen und die darauf folgende Aufsiedlung bestimmten sein Schicksal so grundlegend, dass man es bis heute nicht übersehen kann. Es sei schlichtweg die Frage gestellt: Wie lässt sich ein Gebiet mit diesem gemeinsamen Schicksal sonst bezeichnen? In der Praxis hat sich der Begriff „Sudeten“ bewährt. Jeder, der heute in diese Region kommt, sieht, was damit gemeint ist: gesellschaftlich und kulturell zerrissene Beziehungen, riesige kulturelle, ökologische, landschaftliche, wirtschatliche und soziale Verluste, aber doch auch die beeindruckende Geschichte ihrer Rettung und Rückgewinnung.

„Die Sudeten“ oder „sudetisch“ verwenden wir daher nicht, um die politische Einung der böhmischen, mährischen und schlesischen Deutschen zu unterstützen, sondern deshalb, weil wir damit die Geschichte eines bestimmten  Gebietes zum Ausdruck bringen wollen und sie dadurch für uns besser charakterisierbar wird. Der Inhalt von jedem Begriff wandelt sich mit der Zeit. An den Sudeten bzw. am Sudetenland kann man das sehr deutlich sehen.

Was denken Sie über die sogenannten Beneš-Dekrete?

Für Antikomplex ist das kein großes Thema, auch wenn es schrecklich ist, dass die Dekrete das Prinzip der kollektiven Schuld beinhalten. Laut ihrem Inhalt mussten alle Deutschen und Ungarn fortgehen, sofern sie nicht ihren aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus nachweisen konnten. Es gab zwar Juristen, welche eine andere Rechtsauslegung vertreten, aber im Wesentlichen wurden die Menschen auf der Grundlage ethnischer Zugehörigkeit und nicht aufgrund der persönlich zu verantwortenden Schuld bestraft. Es ist schlecht, dass dies weiterhin ein Bestandteil unserer Rechtsordnung ist, selbst wenn es nur als eine „erlöschte Norm” gilt. Wenn sich irgendwann ein Weg findet, diese kritische Distanz zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei notwendigerweise geradewegs – wie es gerne gesagt wird – „die Rechtsordnung der Tschechischen Republik zu gefährden”, wäre das großartig und würde von der fortschreitenden Reife der Bürger der tschechischen Gesellschaft zeugen.

Denn das Prinzip der kollektiven Schuld ist bestimmt nicht erloschen. Es ist nötig, dies zu erkennen und zu erfahren, wie schwierig es ist, einem Volk das Recht auf die individuelle Beurteilung seiner Taten zu bewahren. Die Roma, ukrainische Immigranten, Homosexuelle und Angehörige vieler weiterer Gruppen können davon berichten, dass das Verurteilen von Menschen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe in Tschechien bis in die heutige Zeit nicht aufgehört hat. Es ist sehr wirksam, dies anhand von Beispielen aus der eigenen kollektiven Erinnerung zu lernen, und nicht nur anhand von Beispielen „Entfernter“, wie es die antijüdischen Maßnahmen im nationalsozialistischen Deutschland und andere sind.

In erster Linie ging es uns immer um die Änderung der Denkweisen und des Verhaltens der heutigen Menschen. Dazu ist es nötig, keiner „korrigierten Vergangenheit“ anzuhängen. Besser gesagt, glauben wir zwar, dass eine Wiedergutmachung vergangenen Unrechts äußerst wichtig ist, aber es besteht die Frage, ob sich das dadurch erreichen lässt, dass man sich in die Besitzverhältnisse von vor siebzig Jahren vertieft. Wir glauben, dass die Wiedergutmachung von Unrecht und die Aussöhnung auch über Wege stattfinden, welche wir im Voraus nicht kennen. Und wir glauben, dass z.B. die notwendige Zusammenarbeit an der Bewahrung des deutschsprachigen kulturellen Erbes in den heutigen Sudeten eben einer dieser Wege ist, welche die Aussöhnung ganz unverfälscht mit sich bringen.

Wie finanzieren Sie sich?

Unsere Tätigkeiten finanzieren wir hauptsächlich durch Fördermittel, die überwiegend von der Europäischen Union kommen. Einzelheiten dazu finden sich in unseren Jahresberichten oder in den Informationen zu den einzelnen Projekten.

In geringerem Maße haben wir die Möglichkeit, Geld über den Verkauf von Büchern einzunehmen.

Werden Sie von Sudetendeutschen bezahlt?

Eine Reihe von ihnen kaufen sicher unsere Bücher, aber die absolute Mehrheit verkaufen wir in Tschechien. Doch wir haben einmal einen Beitrag von einer Organisation, die in Verbindung zur Sudetendeutschen Landsmannschaft steht, bekommen. Das waren im Jahr 2002 ungefähr 800 EUR.

Was sehen Sie als Ihren größten Erfolg an?

Am meisten schätzen wir es, dass es gelungen ist, in die Geschichtsdebatten „ernüchternde“ Momente hineinzutragen. Längst sind wir dem Wunsch nach leidenschaftlich geführten Debatten entwachsen. Denn diese steigern vor allem die Polarisation.

Es geht uns aber vielmehr um Verständigung und dazu ist etwas anderes nötig: Das Reflektieren persönlicher Erfahrungen, sich einzugestehen, dass die Reflexion der Vergangenheit eine langer Prozess ist, und das eher geduldiges Erläutern zählt als unbedingt die Meinung „der ganzen Nation“ ändern zu wollen. Wahrscheinlich ist es besser, sich das Projekt „Das verschwundene Sudetenland“ anzusehen. Vergleichende Fotopaare aus den Sudeten zeigen die Veränderung dieser Gegend und zugleich auch die großen Verluste. Es ist eben nur eine Bestandsaufnahme, deren Auswertung offen und von jedem einzelnen abhängig ist, welche Haltung er dazu einnimmt. „Das verschwundene Sudetenland“ ist sachlich und regt dabei doch die Debatte an, indem es jeden auffordert, seine eigene persönliche Erfahrung zu reflektieren

Könnten Sie auch umgekehrt sagen, was Ihr bisher größter Misserfolg gewesen ist?

Dass uns trotz alledem immer noch Fragen erreichen, welche wir versuchen im Rahmen den FAQ zu beantworten. Anfeindungen des Typs „landesverräterisches Schwein“ berühren uns zwar mit den Jahren keineswegs persönlich und es gibt am Ende nicht so viele Beleidigungen, aber dennoch ist das ermüdend.

Was haben Sie für die Zukunft geplant?

Durch die intensive Reflexion der Erfahrungen mit den Sudeten sind wir zur Geschichtsdidaktik für Schulen und in jüngster Zeit zur politischen Bildung gekommen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass für die absolute Mehrheit der Menschen eine aktive Bürgerschaft ohne eine lebendige Beziehung zu einer Gemeinschaft undenkbar ist. Die muss nicht allein lokal gemeint sein, aber oftmals ist es eine lokal festgelegte Gemeinschaft. Daher haben wir uns entschieden, gerade in diese Richtung unsere weiteren Projekte durchzuführen. Den ersten großen Schritt dazu stellt Zapojme.se  dar, doch wir arbeiten auch an anderen Projekten.

Kontakt für weitere Informationen:

Tereza Vávrová, Direktorin, vavrova@antikomplex.cz

Unsere Arbeit

  • Unser neues Buch

    Weggehen und Wiederkehr

    Weggehen und Wiederkehr

    Das Leben der Deutschen in Sudetenland, die Vertreibung nach 1945, Herrkkunft nach Bayern und ein langer Prozess der Integration. Welche Erinnerungen haben die vetriebene Deutschen aus dieser Zeit und wie verändern sie sich im Rahmen der Generationen? Wie im Gegenteil schauen die Tschechen aus Sudetenland die deutsche Vergangenheit an? Das Buch ist eine Übersetzung aus dem deutschen Original Erinnerungskultur und Lebensläufe. Více informací

  • Buch

    Bei uns verblieben

    Bei uns verbliebene

    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

  • Buch

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Sudeten früher und heute anhand von Fotografien. Unser Bestseller gibt eine bildliche Antwort auf die Fragen, die sich jeder stellt, der in die Landschaft des Grenzgebietes kommt und Lust hat, darüber nachzudenken, was uns eigentlich diese Landschaft hinterlassen hat. Více informací

  • Ausstellung

    Tragische Erinnerungsorte

    Tragische Erinnerungsorte

    Seit dem Jahr 2010 ist diese Wanderausstellung unterwegs, bei der Sie von Schülern nordböhmischer Gymnasien an tragische Stellen in ihrer Region in der Zeit von 1938 bis 1945 geführt werden. Mit einer Reihe von Geschichten aus Aussig, Komotau, Postelberg, Kaaden, Saaz und anderen Orten können Sie Einblick nehmen in das Zusammenleben der beiden Völker in der Mitte Europas. Wenn auch Sie die Wanderausstellung bestellen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter: info@antikomplex.cz Více informací

  • Ausstellung

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

  • Buch

    Sudetengeschichten

    Sudetengeschichten

    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací