Mittendrin und trotzdem fremd?

Das Projekt "Mittendrin und trotzdem fremd?" verbindet einen internationalen Schüleraustausch mit Workshops rund um das Thema "Fremdsein".

Mittendrin und trotzdem fremd? 

Was ist fremd sein? Wann bin ich fremd? Und wo bin ich Zuhause?  Nach welchen Regeln leben wir zusammen? Und nach welchen möchten wir leben? Was will ich ändern? Für wen setze ich mich ein? Was denkt ihr über euch? Und was denken wir über uns? Eine Woche lang diskutierten  24 tschechische und deutsche Schüler über Stereotype, über Heimat, über Regeln, Norme und Werte, lernten einander kennen, lachten zusammen und probierten sich aus, auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Vom 27. 11. – 3. 12. Trafen sich Schüler aus Teplice und Brandt-Erbisdorf zu zu einem Schüleraustausch, der sie langsam an die Arbeit mit dem „Forumtheater“ heranführen sollte.

Im weihnachtlichen Erzgebirge trafen sich die beiden Gruppen aus Brandt-Erbisdorf zum ersten Mal. Sie lernten einander Namen, beäugten sich zunächst noch scheu und verschwanden dann mutig zum gemeinsamen Abendessen in den Gastfamilien, in denen sie die erste Hälfte der Woche zusammen leben sollten. Diese ersten Tage des Austausches in Brandt-Erbisdorf sollten der Einführung in die Themen gewidmet sein, mit denen sich die Schüler später auf der Bühne beschäftigen werden. Dafür arbeiteten sie zunächst theoretisch und lernten sich selbst und die anderen, in gemeinsamen Spielen, in Diskussionen, beim Spazieren, auf dem Weihnachtsmarkt und auf der Eisbahn, kennen. Sie erfuhren wie schwer es fallen kann „Pflaume“ und „švestka“  auszusprechen und wie man dem Anderen in seiner Sprache sagt, dass man ihn schön findet. Sie malten die Stereotype, die sie über ihr Land und ihre Mitbürger haben und stellten fest, dass sie selber  manchmal, vor allem im Fall der tschechischen Schüler, genau das Gegenteil  von „Jarda“ oder „Miloš“ zu seien scheinen. Dadurch reflektierten sie, wie sehr sich ihre Wahrnehmung des eigenen Ichs unterscheidet, von ihrer Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft ihres Landes. Anschließend fingen sie an darüber nach zudenken, in welchen Momenten sie sich selber fremd fühlen und erfuhren im Spiel „One step forward“ am eigenen Leib, wie unterschiedlich die Chancen und Rechte von Menschen mit verschiedenen Berufen, Ethnien und Geschlechtern in unsere Gesellschaft sind. Sie regten sich darüber auf, dass sie für das Kartenspiel „KWINGSLAG“ ohne es zu wissen und ohne dass sie sich darüber austauschen durften, verschiedene Spielregeln bekommen hatten und tauchten ab in der Aufgabe, Bilder zu malen von dem, was für sie Heimat bedeutet.

 

In einer Simulation sollten sie sich bewusst werden, in welchen Kategorien sie Menschen beurteilen und wurden dafür in eine Rakete gesteckt, die sie vor einem Bürgerkrieg auf der Erde retten sollte. Unterwegs wurde entschieden, welche Charaktere die Reise überleben würden und ob man Babys oder doch lieber Katzen essen sollte, um am Ende Außerirdischen menschlichen Zusammenhalt in einem gemeinsam Aufgeführten spanischen Volkstanz zu präsentieren. Lange besprachen sie, von wem und in welcher Art ihre Meinung beeinflusst wird und warum es nötig ist Nachrichten kritisch zu hinterfragen.

 

Nach dem die 14-21 jährigen Schüler in allen diesen Diskussionen mit einem großen Intellekt, starken Meinungen und Argumentationslust beeindruckten und den Mut gezeigten hatten, sich mit sehr persönlichen Eindrücken und Erlebnissen voreinander zu äußern und schwierige Thematiken in Englisch zu besprechen, fingen sie dann, erste Blicke hinter den Theatervorhang zu werfen. Sie lernten sich im Raum zu bewegen, ihre Körperhaltung und ihren Gang zu beobachten, auf die Gruppe zu achten und gemeinsam zu agieren. Auch fingen sie an ihre Mitmenschen genau zu beobachten, sie zu spiegeln, spezifische Merkmale zu entdecken und diese zu übertreiben. In ersten Standbilder mussten sie üben, Bilder auf die wichtigsten Bewegungen zu reduzieren, in der Gruppe sich auf Inszenierungen zu einigen und in vielen kleinen Improvisationen wurde ihre Spontanität, ihr Mut und ihre Kreativität gefordert. 

 

Vertiefen durften Sie ihre neu gesammelten Einblicke dann nach der Ankunft in Dresden am Donnerstag, den 1.12., in Freude darüber, nun auch die Abende und Nächte als ganze Gruppe verbringen zu dürfen. In der Villa Brücke Most-Stiftung zeigte die Gruppe, wie sie immer mehr zusammenwuchs und dass die Schüchternheit der ersten Tage und die Sprachbarriere lange vergessen waren. Nach dem Dresden an einem freien Nachmittag erobert wurde, das Theaterstück „Romeo und Julia“ der Bürgerbühne genossen wurde, die Schauspieler dieser Inszenierung befragt wurden, und mit der „Aktion Zivilcourage Pirna“ ein super Workshop absolviert wurde, lernten die Schüler dann endlich das „Forumtheater“ durch „diese verückten“ Schauspieler der Gruppe „RomaTerial e.V.“ kennen.

 

Das Forumtheater ist eine  Methode des Theaters der Unterdrückten, entwickelt vom Brasilianer Augusto Boal. In dieser Form des Theaters werden Szenen gespielt, die so oder ähnlich aus dem Leben der agierenden Schauspieler stammen und die immer schlecht enden. Es ist die Aufgabe des Publikums in die Inszenierung einzugreifen und eine befriedigende Lösung des Konfliktes zu finden. Die Methode ermöglicht es Menschen, die in bestimmten Situationen diskriminiert werden, diese Missstände auf zu zeigen und auf ihre Situation hin zuweisen. Auch die Schüler aus Teplice und Brand-Erbisdorf werden Inszenierung in Form des Forumtheates gestalten.

 

Während des Workshops, der aus vielen Spielen und überraschenden musikalischen und performativen Ergebnissen bestand,  zeigte sich, neben der großen Lust und Freude der Jugendlichen am Spiel noch einmal wie kreativ und mutig die Gruppe ist. Ihre Leistungen, die machten große Lust auf die nächste Woche und die weitere Theaterarbeit mit ihnen.

 

Die geteilten Tage in Brand-Erbisdorf und Dresden, waren eine Woche voller Freude und lebendeigen Austausch, in der es immer Gründe zum Lachen gab. Mir wird es als eine sehr schöne Zeit in Erinnerungen bleiben, getragen von kreativen, netten, intelligenten, talentierten Jugendlichen und engagierten Lehrern und Trainern, so dass ich mich sehr freue, alle im Frühling wieder sehen zu dürfen. Vielen Dank Euch! 

 

Unsere Arbeit

  • Unser neues Buch

    Weggehen und Wiederkehr

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    Das Leben der Deutschen in Sudetenland, die Vertreibung nach 1945, Herrkkunft nach Bayern und ein langer Prozess der Integration. Welche Erinnerungen haben die vetriebene Deutschen aus dieser Zeit und wie verändern sie sich im Rahmen der Generationen? Wie im Gegenteil schauen die Tschechen aus Sudetenland die deutsche Vergangenheit an? Das Buch ist eine Übersetzung aus dem deutschen Original Erinnerungskultur und Lebensläufe. Více informací

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    Bei uns verblieben

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    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

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    Das verschwundene Sudetenland

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    Tragische Erinnerungsorte

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    Seit dem Jahr 2010 ist diese Wanderausstellung unterwegs, bei der Sie von Schülern nordböhmischer Gymnasien an tragische Stellen in ihrer Region in der Zeit von 1938 bis 1945 geführt werden. Mit einer Reihe von Geschichten aus Aussig, Komotau, Postelberg, Kaaden, Saaz und anderen Orten können Sie Einblick nehmen in das Zusammenleben der beiden Völker in der Mitte Europas. Wenn auch Sie die Wanderausstellung bestellen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter: info@antikomplex.cz Více informací

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    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

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    Sudetengeschichten

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    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací