Spurensuche im tschechischen Grenzgebiet mit dem Fahrrad: "Karlsbader Reise" - auf Goethes Spuren

Vom 18.-24. August 2014 fand die zehnte Spurensuche im deutsch-tschechischen Grenzgebiet unter der Leitung von Antikomplex statt. Das Thema orientierte sich in diesem Jahr an den Reisen von Johann Wolfgang von Goethe in die Kurstadt Karlsbad (Karlovy Vary) und dem damit verknüpften Propagandafilm „Karlsbader Reise“ aus dem Jahr 1940. Die Reise führte uns mit dem Fahrrad von Weimar über Jena, Pössneck, Schleiz, Hof, Aš, Cheb und Loket nach Karlovy Vary.

Insgesamt hatten sich 21 Teilnehmer angemeldet, im Alter zwischen 18 und 83 Jahren, die die Strecke gemeinsam als Gruppe mit viel Spaß und einem guten Zusammenhalt gemeistert haben.

 

 

Startpunkt war die Jugendherberge in Weimar, in der sich alle Teilnehmer im Laufe des Montagabends einfanden. Das Programm bestand an diesem ersten Abend vor allem aus dem gegenseitigen Kennenlernen und einer Einführung ins Thema anhand der eigenen Erwartungen und Erfahrungen sowie des Filmes „Karlsbader Reise“. In diesem bekamen wir durch die handelnden Personen Ilse und Fritz schon einen Einblick in die Strecke, die uns in den folgenden Tagen – genau wie einst Goethe – durch Thüringen und Bayern nach Böhmen führen würde.

Am Dienstag, dem 19.8. begannen wir unsere Reise mit den Rädern durch Weimar, wo wir Halt am berühmten Ginkgobaum, am Goethe-Schiller-Denkmal, am Nationalmuseum und natürlich im Goethehaus machten. Dieses war durch seine Größe und seinen gepflegten Garten sowie Teilen von Goethes Kunst- und Mineraliensammlung sehr beeindruckend und stellte mit einem Bild des Karlsbader Sprudels einen idealen Ausgangspunkt dar.

Den anschließenden Weg über Jena bis Kahla legten wir im Zug zurück, wobei die besondere Herausforderung darin bestand, die Fahrräder in den Regionalbahnen zu verstauen. Nach dem Mittagessen begann dann die eigentliche Fahrradtour, während der wir an diesem Nachmittag Halt in Freienorla machten, wo man eine Gedenktafel für die Opfer der Todesmärsche aus Buchenwald findet, deren Routen unter anderem auch durch Orte auf unserem Weg führten. Auch Pößneck, das von Goethe regelmäßig passiert wurde, bot die Möglichkeit für einen Zwischenstop, bevor wir über Berg und Tal weiter bis nach Plothen fuhren. Dort fand der Tag einen Abschluss mit einem Spiel zu Goethes Zeitgenossen, das uns darauf aufmerksam machte, dass Goethe in einer Zeit lebte, die mit vielen außergewöhnlichen Persönlichkeiten aufwarten konnte und zu großen Veränderungen in Europa führte.

 Auch der folgende Tag, von dem wir – nach dem Regen am Abend zuvor – mit Sonnenschein begrüßt wurden, hielt mehrere spannende Punkte unserer Reise bereit. Recht früh erreichten wir die Stadt Schleiz, wo wir eine interessante Führung durch die Bergkirche erleben konnten. Nach dem Mittagessen und anschließendem Kaffee auf dem Marktplatz der Geburtstadt von Johann Friedrich Böttger (dem Erfinder des europäischen Porzellans), die gleichzeitig auch die Stadt ist, in der Konrad Duden als Gymnasialdirektor unterrichtete, hatten wir viel neue Kraft für die weitere Fahrradtour. Am späten Nachmittag besuchten wir den Ort Mödlareuth, der als „Klein-Berlin“ bezeichnet wird. Das Dorf, das schon immer an der Grenze zwischen Thüringen und Bayern stand, wurde ab 1966 von einer mehr als drei Meter hohen Mauer geteilt. An diesen Teil der Geschichte erinnert nun das deutsch-deutsche Museum und die Überreste der Grenze, die als Mahnmal bis heute zu sehen sind.

In der Jugendherberge Hof konnten wir den langen Tag schließlich in guter Gesellschaft und mit Gesprächen ausklingen lassen.

Dem Bahnhof in Hof statteten wir am Donnerstag einen Besuch ab. Er ist als Ankunftsort der DDR-Flüchtlinge aus der Prager Botschaft in die Geschichte eingegangen und erinnert mit einer Gedenktafel an die Ereignisse im Oktober 1989. Gegen Mittag erreichten wir das Dreiländereck und wechselten damit aus Deutschland in die Tschechische Republik. Unser erster Halt in Tschechien war schließlich Aš, das von Goethe nicht sehr hoch geschätzt wurde, in dem wir aber gut empfangen wurden. Am Goethedenkmal, das frisch restauriert und einige Tage zuvor wieder aufgestellt worden war, wurde unsere Gruppe für den regionalen Teil der Zeitung „Mlada Fronta“ fotografiert. Interessant war dabei auch der Vergleich von alten Bildern des Marktplatzes mit den heutigen Stadtansichten. Nach einer ausgiebigen Pause ging unsere Fahrt weiter in Richtung Skalná. Unterwegs machten wir noch einen Halt am Goethestein, der heute nicht mehr die Aussicht bereithält, die Goethe genossen hat, und einiges seiner Anziehungskraft von damals verloren hat, der uns aber trotzdem einen Besuch und ein Gruppenfoto wert war.

Ausgeruht konnten wir uns am Freitagmorgen wieder auf die Räder setzen und die Fahrt in Richtung Karlovy Vary fortführen. Nach einem Aufenthalt in Františkovy Lázně, das mit seinen Kolonaden und warmen Oblaten auf uns wartete, stand ein Besuch des Kammerbühls (Komorní hůrka) auf dem Programm. Dieser Vulkan war für Goethe im Zusammenhang mit seinem Interesse an der Geologie, seinen Forschungen und Theorien wichtig und wurde häufig von ihm als Universalgelehrtem besucht.

Cheb erreichten wir pünktlich zum Mittagessen und hatten im Anschluss noch Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Straßen der Stadt. Der Weg am Nachmittag lief  immer entlang der Ohře und bot Gelegenheiten, unterwegs an verschiedenen Stellen Halt zu machen. Auch die schon aus den letzten Tagen bekannte, gleichzeitig geliebte und – aufgrund des damit verbundenen nahenden Anstieges – gefüchtete Schokoladenpause durfte nicht fehlen. Über die Brücke der Liebe (Most lásky) in Sokolov gelangten wir schließlich nach Loket, über das Goethe schreibt, dass es „über alle Beschreibungen schön liegt und sich als ein Kunstwerk von allen Seiten betrachten lässt“.

Insbesondere am nächsten Morgen, an dem wir uns am Marktplatz in Loket dem Thema „Goethe und die Frauen“ widmeten und einen Rundgang durch die umliegenden Gassen anschlossen, konnten wir uns selbst vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage überzeugen.

Da der Samstag der letzte Radfahr-Tag unserer Reise war, konnten wir die Strecke in Ruhe angehen und den Halt an den Hans-Heiling-Felsen (Svatošské skály) genießen, wo uns eine Teilnehmerin die Freude machte, die Legende dieses Ortes in einmaliger Art und Weise zu erzählen.

Glücklich, gesund und unfallfrei kamen wir am Mittag schließlich in Karlovy Vary an, wo uns unser Weg zuerst für ein Bild zum Hotel Pupp führte, bevor wir unsere Unterkunft bezogen und uns zum verdienten Mittagessen wieder trafen. Später war noch viel Zeit für die Erkundung des Kurortes, für eine Fahrt mit der Bahn auf die Freundschaftshöhe (Výšina přátelství) und einem Spaziergang zurück in die Stadt, wo die Büste von Johann Wolfgang von Goethe und das Abendessen auf uns warteten. Zum Abschluss der Radtour schauten wir uns noch einmal den Film „Karlsbader Reise“ an. Nun erkannten wir viele Orte wieder, die wir in den vergangenen Tagen selbst besucht hatten und es wurde ein Bogen zurück zum Anfang unseres Weges geschlagen. Gemeinsam konnten wir den Abend in Gesellschaft der anderen verbringen und genießen und der Abschied von der Gruppe am nächsten Morgen fiel vielen nach all den schönen und intensiven Erlebnissen der Woche auf dem Fahrrad recht schwer.

Insgesamt kann man ohne Zweifel sagen, dass die Jubiläums-Spurensuche 2014 sehr gelungen war und allen Teilnehmern ganz neue Einblicke in das Leben und Wirken von Goethe, aber auch in alle anderen Themen, die wir auf unserer Reise gestreift haben, ermöglicht hat. Die Gesellschaft in einer tollen Gruppe hat zusätzlich dazu geführt, dass diese Woche uns allen sicher für lange Zeit in guter Erinnerung bleiben wird. Der Dank für die gesamte Organisation gilt Antikomplex, außerdem der Jungen Aktion, dem Sozialwerk der Ackermann-Gemeinde, dem deutsch-tschechischen Zukunftsfonds sowie dem Bundesministerium des Inneren für die finanzielle Unterstützung. Insbesondere möchten wir uns aber bei Ondřej Matějka bedanken, der immer den Überblick und die Ruhe behalten und uns sicher vom Start in Weimar bis ans Ziel in Karlovy Vary geführt hat.

 

Natascha Hergert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Loket

 

 

 

 

 

Unsere Arbeit

  • Unser neues Buch

    Weggehen und Wiederkehr

    Weggehen und Wiederkehr

    Das Leben der Deutschen in Sudetenland, die Vertreibung nach 1945, Herrkkunft nach Bayern und ein langer Prozess der Integration. Welche Erinnerungen haben die vetriebene Deutschen aus dieser Zeit und wie verändern sie sich im Rahmen der Generationen? Wie im Gegenteil schauen die Tschechen aus Sudetenland die deutsche Vergangenheit an? Das Buch ist eine Übersetzung aus dem deutschen Original Erinnerungskultur und Lebensläufe. Více informací

  • Buch

    Bei uns verblieben

    Bei uns verbliebene

    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

  • Buch

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Sudeten früher und heute anhand von Fotografien. Unser Bestseller gibt eine bildliche Antwort auf die Fragen, die sich jeder stellt, der in die Landschaft des Grenzgebietes kommt und Lust hat, darüber nachzudenken, was uns eigentlich diese Landschaft hinterlassen hat. Více informací

  • Ausstellung

    Tragische Erinnerungsorte

    Tragische Erinnerungsorte

    Seit dem Jahr 2010 ist diese Wanderausstellung unterwegs, bei der Sie von Schülern nordböhmischer Gymnasien an tragische Stellen in ihrer Region in der Zeit von 1938 bis 1945 geführt werden. Mit einer Reihe von Geschichten aus Aussig, Komotau, Postelberg, Kaaden, Saaz und anderen Orten können Sie Einblick nehmen in das Zusammenleben der beiden Völker in der Mitte Europas. Wenn auch Sie die Wanderausstellung bestellen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter: info@antikomplex.cz Více informací

  • Ausstellung

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

  • Buch

    Sudetengeschichten

    Sudetengeschichten

    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací