Verschwundenes Sudetenland – vergessene Trauer

Carsten Lenk, Kulturanthropologe aus Regensburg für das Buch Das verschwundene Sudetenland

Jede Landschaft ist voller Spuren, die von der Geschichte in ihr hinterlassen wurden. Die Bildpaare des Projektes „Das verschwundene Sudetenland“ bringen uns die Veränderungen in der Landschaft nahe, die sie in weniger als sechzig Jahren erlebt hat. Denn die Fotografien bilden einen Kontrast zwischen „damals“ und „heute“. Das lehrreiche Prinzip des „Vorher – Nachher“ ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. Es ist der Vergleich, zu dem man beim Betrachten herausgefordert wird. Mit großem Aufwand und hoher Detailgenauigkeit haben die Autoren dieser Ausstellung die alten Perspektiven und Blickwinkel rekonstruiert, bis hin zu einzelnen Statisten, die ins Bild gesetzt wurden. Dem Betrachter eröffnet sich die Möglichkeit einer Zeitreise. Als Kind habe ich mir manchmal gewünscht, genau den Ort zu sehen, an dem ich momentan stehe, wie er vor fünfzig, hundert, zweihundert oder tausend Jahren ausgesehen haben mag. Diese Ausstellung löst ein bisschen von diesem Traum ein.

Fotografien als Quelle wirken geradezu unschuldig, so als sprächen sie für sich selbst. Bilden sie doch vorgeblich und nach landläufiger Meinung „Realität“ so ab, wie sie ist oder wie sie war. Gleichwohl weiß jeder, der im Umgang mit der Kamera ein wenig vertraut ist, wie sehr Bildausschnitt, Motivwahl, Licht und Schatten und andere Faktoren mehr, die Aussage und den Charakter eines Bildes beeinflussen können. Dieses Prinzip setzt sich im Hinblick auf den Kontext fort, in den ein Bild gestellt wird, ob und welche Bildunterschrift es trägt, welche Bilder in seiner unmittelbare n Nähe stehen.

Fotografien, so sehr sie dies auch vorgeben mögen, sprechen aber nicht für sich selbst. Sie sind aus der Perspektive des Historikers – wie andere Quellen auch – erklärungs- und interpretationsbedürftig. Es ist sehr lehrreich, die Besucher dieser Ausstellung selbst und ihren Umgang mit den Bildern zu beobachten. Man vergleicht, sucht nach Veränderungen und Spuren, rekonstruiert, diskutiert, fragt... Das Verschwinden selbst wird lebendig, nicht einfach nur das „Verschwundene“. Viele Besucher verlassen die Ausstellung mit einer veränderten Perspektive auf eine Landschaft, die sie bereits vorher gut zu kennen glaubten. Sie verlassen sie voller offener Fragen und manche von ihnen verunsichert, weil das Schwarz-Weiß der einfachen Wahrheiten plötzlich Übergänge, Differenzierungen und Schattierungen erhält.

Dabei lässt sich dieser Prozess des Verschwindens, abhängig vom Kontext des Betrachters, durchaus unterschiedlich interpretieren. Auf der einen Seite steht der Verlust blühender Dörfer und durch Menschen geschaffener alter Kulturlandschaft mit Feldern, Weiden und Obstgärten. Auf der anderen Seite stehen Rückkehr und Triumph der Natur, die Bildung neuer Landschaftsformen in einer durch den Menschen immer stärker geschundenen und ausgebeuteten Landschaft.

Ob „verlorene Idylle“ oder „naturnahes Refugium“, beide Interpretationen machen deutlich, dass die Wahrnehmung des Kontrastes zwischen damals und heute selten ohne Wertungen und Beurteilungen seitens des Betrachters verlaufen wird. Ob es heute oder damals schöner oder hässlicher, reicher oder ärmer, besser oder schlechter war – die gesellschaftliche

Wahrnehmung geschichtlicher Prozesse ist eben immer auch mit moralischen Wertungen verbunden. Mit welchen Intentionen wer die Spuren des verschwundenen Sudetenlandes wie liest, wird damit zu einer moralischen und am Ende auch politischen Frage.

Es war der italienische Historiker Carlo Ginzburg, der den Beruf des Historikers mit der Figur des Meisterdetektivs Sherlock Holmes und mit dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud in eine Reihe gestellt hat. Was auf den ersten Blick an dieser Kombination befremdlich erscheinen mag, erklärt Ginzburg mit einer allen drei gemeinsamen Arbeitsweise: Es ist das Denkmuster, das ihre Arbeit verbindet, die Suche nach Spuren, die auf etwas Vergangenes und Gewesenes hinweisen. Bei Sherlock Holmes auf ein Verbrechen, das es zu rekonstruieren gilt. Bei Sigmund Freud auf etwas längst Verdrängtes, Unbewusstes, das der Psychoanalytiker bei seiner Arbeit aufzudecken hat. Auch für den Historiker sei, so Ginzburg, die Suche nach Indizien die entscheidende Methode, um den historischen Prozess aus den zur Verfügung stehenden Quellen zu rekonstruieren und zu beschreiben.

Ebenso geht es angesichts des „verschwundenen Sudetenlandes“ um mehr als die bloße Rekonstruktion von historischen Tatsachen (sofern es dies überhaupt gibt, was bezweifelt werden darf). Es geht durchaus – und hier hilft die Parallele zu Sigmund Freud – um etwas Vergessenes, ja sogar bewusst Verdrängtes, das dem kollektiven Gedächtnis der tschechischen Gesellschaft über viele Jahre hinweg verloren gegangen ist. In diesem Sinne ist die Arbeit des Historikers Erinnerungsarbeit, die selten angenehm für diejenigen ist, um deren Geschichte es sich handelt.

Mir scheint es, dass über viele Jahrzehnte die Geschichte des „verschwundenen Sudetenlandes“ so gedeutet wurde, als ginge dieses Verschwinden die tschechoslowakische Gesellschaft eigentlich nichts an, als habe es sich bei der Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung um die sinnvolle und logische Entfernung von etwas Fremdem gehandelt. Aus dieser Perspektive scheint die Aussiedlung ein Gewinn, ein notwendiger und sinnvoller Schritt nach den Geschehnissen der Okkupation durch Hitler-Deutschland um des inneren staatlichen Friedens willen.

Es ist ein bekannter Topos, dass jede Generation ihre Geschichte neu zu schreiben hat. Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass sich die Perspektive bei der Interpretation der Aussiedlung zu wandeln beginnt. Das „verschwundene Sudetenland” kann vor diesem Hintergrund eben auch als Verlust begriffen werden. Es ist ein großes Verdienst dieser Ausstellung und ihrer Initiatoren, der Gruppe Antikomplex, diese Interpretation der tschechischen Gesellschaft anzubieten und ihr eine Auseinandersetzung damit nahe zu legen. Dieser Prozess ist unbequem und vielleicht auch schmerzhaft, weil er Fragen provoziert, auch an diejenigen, die damals Mitverantwortung trugen. Aber dieser Prozess scheint mir unumgänglich und unvermeidlich für das, was man in der Psychologie Trauerarbeit nennt. Erst das Eingeständnis von etwas Verlorenem und die damit verbundene Trauer ermöglichen ein Abschiednehmen von den Bindungen der Vergangenheit. Sie befreit und macht – jenseits aller moralischen Bewertungen und politischen Interessen – den Weg für eine Versöhnungs- und Friedensarbeit frei.

Der Journalist Tomáš Feřtek schreibt in seinem Vorwort zum Ausstellungskatalog, dass das Unglück des Sudetenlandes nicht die fehlenden Häuser, sondern die fehlenden Menschen sind. Diejenigen, die nach dem Krieg gehen mussten, nahmen das „Sudetenland“ in ihrem Gedächtnis mit. In der vom Nachkriegselend gebeutelten jungen Bundesrepublik stießen sie mit ihren Erinnerungen zumeist auf taube Ohren. Die Menschen im zerstörten Deutschland hatten andere Sorgen. Millionen von Menschen mussten ernährt werden und brauchten ein Dach über dem Kopf. In späteren Erzählungen von Vertriebenen wurde dieses Ankommen gerne als Geschichte einer gelungenen Integration, als Erfolgsgeschichte erzählt. Die Wirklichkeit sah für viele Flüchtlingsfamilien weitaus schmerzhafter aus. Von den Eingesessenen argwöhnisch beäugt, waren Ausdrücke wie „Rucksackzigeuner“ vergleichsweise harmlos. Die Tatsache, dass die Flüchtlinge aus den ehemaligen „Ostgebieten“ durch den jungen Staat entschädigt wurden, trug nicht zu einer größeren Akzeptanz bei, sondern schürte eher Neid und Konkurrenz zwischen den Opfern daheim und denen von draußen. Zu viel schien es für die einen, die nichts bekommen hatten, viel zu wenig für die anderen, die das ihre verloren hatten. Zur Kränkung des Vertrieben-Werdens kam die zweite Kränkung des Ankommens: das Gefühl, bei einem großen Teil der ansässigen Bevölkerung unerwünscht zu sein.

Also blieb man unter sich, tauschte Erinnerungen aus, bildete eigene Kolonien und Siedlungen (die man heute Migrantenghettos nennen würde). Flüchtlingskinder heirateten auch noch zehn oder zwanzig Jahre später untereinander, als man es im Rahmen des deutschen Wirtschaftswunders schon zu bescheidenem Wohlstand, vielleicht sogar zum eigenen Häuschen gebracht hatte. Landsmannschaftliche Vereinigungen gründeten sich, boten eine Plattform für Begegnung und Austausch mit seinesgleichen. Die Wut über das erlittene Unrecht, die erfahrenen Kränkungen begannen sich politisch zu artikulieren. Forderungen wurden aufgestellt, die in der Zeit des Kalten Krieges gut in die politische Landschaft des Nachkriegseuropas passten. Andere resignierten, zogen sich ins Private zurück. Sie versuchten die alte Heimat zu vergessen, vor allem wenn die Kinder und später die Enkel der „alten Geschichten“ überdrüssig waren, die immer und immer wieder, fast wie die Formeln einer magischen Beschwörung, erzählt wurden.

All das führte dazu, dass die Sudeten, wie sie einmal waren, mit all ihren Problemen, aber eben auch mit ihrer historischen Realität des Zusammenlebens von Deutschen und Tschechen in Böhmen und Mähren, allmählich auch in den Erinnerungen jener verschwanden, die dieses Land verlassen mussten. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung wurde es ersetzt und grotesk verzerrt durch das Auftreten der Landsmannschaften, die Reden der Revanchisten, durch Fahnen schwingende und Trachten tragende „Ewiggestrige“. So ging das „Sudetenland“ verloren, ohne dass man von ihm hätte Abschied nehmen können. Über all dem blieb zu wenig oder kein Raum für die Trauer über das Verlorene. Es waren zu wenige, die sich den traumatisierten und doppelt gekränkten Menschen zuwandten, ihnen zuhörten und Verständnis für ihr Schicksal zeigten. Menschen verhärten, wenn sie keinen Raum für ihre Emotionen und für die Bewältigung des Erlittenen erhalten. So richtete man sich in seiner Opferrolle ein, aus der sich viele Menschen der „Erlebnisgeneration“ bis zu ihrem Lebensende nicht befreien konnten.

Was uns fehlt, so möchte ich zusammenfassen, ist auf beiden Seiten – bei Deutschen wie Tschechen – Trauer. Der Verlust gäbe für beide Seiten Grund genug dazu, eine gemeinsame Art des Trauerns zu finden, über das was geschehen ist und was wir verloren haben. Die Landschaft des Sudetenlandes, mit ihrer Menschenleere, ihrer Einsamkeit und den Spuren des Verschwundenen lädt bis heute ein, dies zu tun.

Unsere Arbeit

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