Wege der Diskriminierung

Warum wurden und werden Sinti und Roma diskriminiert? Welche Rechtfertigungen nutze man während des Zweiten Weltkrieges für die Verfolgung von Sinti und Roma und welche Vorurteile bestehen heute? Welche Möglichkeiten gibt es für eine bessere Integration und welchen Beitrag können wir dazu leisten?

Diese und viele weitere Fragen begleiteten die Schüler und natürlich auch die begleitenden Lehrer der Gymnasien in Ostrov (Tschechien) und Schwabmünchen (Deutschland) während eines einwöchigen Seminares Anfang November. Unter dem Titel „Wege der Diskriminierung“ beschäftigten wir uns gemeinsam in unterschiedlichen Workshops, Exkursionen und Vorträgen verschiedener Experten mit der Minderheit der Sinti und Roma in Tschechien und Deutschland. Dieses Treffen war sozusagen der erste Akt eines mehrteiligen Projektes, dass in den kommenden Wochen und Monaten mit weiteren Treffen, fleißiger Arbeit der Schüler und abschließend der Entstehung und Eröffnung einer Wanderausstellung fortgesetzt wird.

 

Nach der Ankunft der deutschen Gruppe in Ostrov stand am Montagnachmittag vor allem das erste Kennenlernen auf dem Programm. Die Tatsache, dass aus Schwabmünchen ausschließlich Jungen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren angereist waren, hat der Gruppendynamik dabei nicht geschadet und der Kontakt zu den tschechischen Austauschpartnerinnen und – partnern war schnell hergestellt.

Eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema fand ebenfalls bereits an diesem Nachmittag statt, indem sich die Schüler mit der Entstehung von Stereotypen befassten. In vier Gruppen durften sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen und „den typischen Deutschen“, beziehungsweise „den typischen Tschechen“ mit den ihrer Meinung nach wichtigsten Merkmalen zeichnen. Die entstandenen Kunstwerke halfen uns dabei, den Stereotypen selbst auf den Grund zu gehen, zu erkennen, wodurch sie zustande kommen und sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. 

Stereotype (Foto: David Všetička)

 

Am darauffolgenden Tag stiegen wir gemeinsam mit Sarah Grandke tiefer ins Thema ein. Sie sorgte während ihrer historischen Einführung in die Geschichte der Sinti und Roma in Mitteleuropa für viele neue und teilweise erschreckende Erkenntnisse. So erfuhren wir von Gesetzen, die bereits Ende der 1920er Jahre sowohl in Bayern als auch in der Tschechoslowakei gegen Sinti und Roma verabschiedet wurden und von der sogenannten „Landfahrerzentrale“, die ihre diskriminierenden Aktivitäten noch lange nach dem zweiten Weltkrieg fortsetzen konnte und erst 1970 wegen Grundgesetzwidrigkeit aufgelöst wurde. Auch die Dokumente und Beispiele, die in Gruppen bearbeitet wurden, boten viele spannende Einblicke in die Verfolgung von Sinti und Roma.

 

Am Nachmittag konnten die Schüler nach einer kurzen Einführung seitens Antikomplex über die Besonderheiten des Grenzgebietes gemeinsam die Stadt Ostrov erkunden, bevor am Abend alle in die Schule zurückkamen, um den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen. Nach dem Abendessen, das in perfekter Teamarbeit vorbereitet wurde, bot der Film „Ó ty černý ptačku“ Einblicke in die Schicksale der Roma, die Inhaftierungen in verschiedenen Konzentrationslagern durchleben mussten. Auch wird darin der heutige Umgang mit dem Roma-Holocaust sehr eindrücklich beschrieben.

Gemeinsames Abendessen (Foto: David Všetička)

 

Am Mittwoch begann der Tag mit interkulturellem Training: Mit der Übung „One step forward“ wurde erlebbar, dass Menschen auch heute noch auf Grund ihrer Herkunft oder ihres sozialen Standes unterschiedliche Möglichkeiten haben und nutzen können. Am späteren Vormittag hielt der Historiker Yaser Abu Gosh einen Vortrag über die Situation der Sinti und Roma in Tschechien nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser war der einzige Vortrag der Woche, der auf Englisch gehalten wurde – was für manche Schüler eine Herausforderung bedeutete, insgesamt aber sehr gut geklappt hat.

Yaser Abu Gosh (Foto: David Všetička)

Zum Mittagessen konnten wir den Direktor des deutschen Leonhard-Wagner-Gymnasiums Herrn Altmann begrüßen, der seine Schüler bis zum folgenden Nachmittag begleitete und gute Kontakte für eine weitere Zusammenarbeit der Schulen mit Herrn Direktor Šafránek knüpfte. Gemeinsam fuhr die Gruppe am Nachmittag nach Jachymov, wo zuerst Zeit für die Ausstellung des Museums war, in dem anschließend Herr Oldřich Ježek von seinen Erfahrungen im Jachymov der Nachkriegszeit berichtete und gerne auch die Fragen der Schüler beantwortete. Die Übersetzung übernahm an diesem Nachmittag der EVS-Freiwillige unserer Partnerorganisation, der Ackermann-Gemeinde in München.

Gespräch mit Herrn Ježek - 2.v.r. (Foto: Johann Pirkl)

An besondere Orte der Stadt selbst führte die Gruppe schließlich einer der Lehrer aus Ostrov, sodass für die deutschen Austauschschüler ein wenig „Landeskunde“ auf dem Programm stand. Diese konnte dann auch am Abend fortgeführt werden, den sie in und mit den tschechischen Familien verbrachten.

vor dem Museum (Foto: Johann Pirkl)

Jachymov/Joachimsthal (Foto: Natascha Hergert)

aufmerksame Zuhörer beim Rundgang durch Jachymov (Foto: Natascha Hergert)

 

Für den nächsten Tag war eine größere Exkursion geplant, die uns über die Grenze nach Flossenbürg führte. In zwei Gruppen konnten dort tiefe Eindrücke gesammelt werden. Das ganze Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, die Geschichten und Schicksale der Menschen, die an diesem Ort leben, arbeiten und sterben mussten, und auch die sehr gut präsentierte Ausstellung in der Gedenkstätte boten viel Stoff zum Nachdenken. Die Rückfahrt im Bus fiel im Anschluss recht ruhig aus.

Der Steinbruch in Flossenbürg (Foto: David Všetička)

Schicksale (Foto: Natascha Hergert)

Sinti und Roma im KZ Flossenbürg (Foto: Johann Pirkl)

Bei einem Zwischenstopp in Karlovy Vary gab es dann aber erneut die Möglichkeit, in die Gegenwart zurückzukehren und die Stadt in Kleingruppen zu erkunden, bevor wir zum gemeinsamen Abendessen zurück in die Schule nach Ostrov fuhren. Als Tagesausklang und Reflektion der Erlebnisse in Flossenbürg schrieben die Schüler dort auch noch sogenannte „Elfchen“, in denen Eindrücke und Gedanken in Form eines kurzen Gedichtes festgehalten werden können.

 

Am Freitag beschäftigten wir uns vor allem mit der Gegenwart: Der Roma-Aktivist Emil Voráč berichtete sehr lebendig von seiner Arbeit und konnte Antworten auf zahlreiche Fragen der Schüler geben. So wurde die aktuelle Situation in Tschechien sehr gut deutlich und der Vormittag verging schnell. Am Nachmittag stand die Projektentwicklung an, die Grundlage für den weiteren Verlauf des Projektes ist und bei der die Schüler selbst den Grundstein für ihre Arbeit in den kommenden Wochen und Monaten legten. Den Nachmittag über entstanden viele Ideen zu Themen, die gemeinsam genauer bestimmt und verteilt wurden. In teilweise gemischtnationalen Gruppen werden diese nach einem genauen Zeitplan bis zum nächsten Treffen bearbeitet und später in der geplanten Wanderausstellung präsentiert.

Gruppen-Besprechung (Foto: Johann Pirkl)

Projektplanung (Foto: David Všetička)

 

Nach einer insgesamt also sehr gut ausgefüllten Woche können alle Teilnehmer auf den Gegenbesuch in Deutschland Ende April 2015 hinarbeiten. Die Freundschaften, die in dieser Woche entstanden sind, erhalten dann eine Auffrischung und die in der Zwischenzeit gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse dürfen den anderen präsentiert werden. Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit – eine zweisprachige Wanderausstellung – soll schließlich ab September mit einer feierlichen Eröffnung an beiden Schulen für alle Interessierten zugänglich gemacht werden.

Wir von Antikomplex freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit und sind gespannt auf die nächste Begegnung und die Recherchen zur Problematik der Diskriminierung von Sinti und Roma im langen Zeitraum des letzten Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Wir danken sowohl allen Teilnehmern für die gute Mitarbeit als auch der Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft für die Finanzierung dieses Projektes.

 

Natascha Hergert 

Unsere Arbeit

  • Unser neues Buch

    Weggehen und Wiederkehr

    Weggehen und Wiederkehr

    Das Leben der Deutschen in Sudetenland, die Vertreibung nach 1945, Herrkkunft nach Bayern und ein langer Prozess der Integration. Welche Erinnerungen haben die vetriebene Deutschen aus dieser Zeit und wie verändern sie sich im Rahmen der Generationen? Wie im Gegenteil schauen die Tschechen aus Sudetenland die deutsche Vergangenheit an? Das Buch ist eine Übersetzung aus dem deutschen Original Erinnerungskultur und Lebensläufe. Více informací

  • Buch

    Bei uns verblieben

    Bei uns verbliebene

    Bei uns verblieben. Die Präsentation des Buches fand am 10.10.2013 um 19:00 am Goethe-Institut Prag statt. Dagebliebene und Heimkehrer aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen als tschechische Deutsche. Diesen vierzehn Interviews sind drei fundierte Studien zur Geschichte, Identität und Sprache der deutschen Minderheit vorangestellt, welche weitere Zusammenhänge sichtbar machen. Více informací

  • Buch

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Sudeten früher und heute anhand von Fotografien. Unser Bestseller gibt eine bildliche Antwort auf die Fragen, die sich jeder stellt, der in die Landschaft des Grenzgebietes kommt und Lust hat, darüber nachzudenken, was uns eigentlich diese Landschaft hinterlassen hat. Více informací

  • Ausstellung

    Tragische Erinnerungsorte

    Tragische Erinnerungsorte

    Seit dem Jahr 2010 ist diese Wanderausstellung unterwegs, bei der Sie von Schülern nordböhmischer Gymnasien an tragische Stellen in ihrer Region in der Zeit von 1938 bis 1945 geführt werden. Mit einer Reihe von Geschichten aus Aussig, Komotau, Postelberg, Kaaden, Saaz und anderen Orten können Sie Einblick nehmen in das Zusammenleben der beiden Völker in der Mitte Europas. Wenn auch Sie die Wanderausstellung bestellen möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter: info@antikomplex.cz Více informací

  • Ausstellung

    Das verschwundene Sudetenland

    Das verschwundene Sudetenland

    Die Wanderausstellung "Das Verschwundene Sudetenland" ist seit Dezember 2002 fast jeden Monat woanders zu sehen. Sie zeigt die markantensten Verwandlungen der Landschaft im Grenzgebiet - vor allem die fast unersetzbaren unwiederbringlichen Kulturverluste infolge der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. Doch es ist sehr sinnvoll zu wissen, was verändert wurde und wie man damit umgehen kann. Více informací

  • Buch

    Sudetengeschichten

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    Die Sudeten und ihre Bewohner - die gegenwärtigen sowie die ehemaligen. Die Geschichte des Sudetenlandes wird oft nur hinsichtlich einiger weniger Jahre nach dem Krieg erzählt. Wie die Schicksale der vertriebenen Deutschen in Deutschland und der neuen Siedler im Grenzraum weiter verliefen, wird oft vergessen. Unser neues Buch versucht, das zu ändern. Více informací